Die silbernen Felder

Europa, die 2030er Jahre: die liberalen Demokratien sind passé, eine sanfte digitale Diktatur ist an ihre Stelle getreten, die alle Menschen mit Simulationen schöner Landschaften, angenehmer Erinnerungen und interagierender Weisheitsspeicher Die silbernen Felder betört. Alle Menschen? Die Erzählerin Margarethe ist eine Verweigerin und Alleingängerin. Sie liebt das Baden in Seen, das Fotografieren, das Shoppen, reale Tätigkeiten in einer virtuellen Welt. Und sie sucht nach ihrer hochbegabten Schwester Fiona, die irgendwie verstrickt ist in den globalen Einwelt-Umbau. Wie genau, das soll hier nicht gespoilert werden, aber es ist einigermaßen berechenbar, wohin die Suche in Claudia Tieschkys Roman geht. Dass es nicht gut ist, wenn der Mensch seine Autonomie den Maschinen opfert, zur Bioperson und Trägerkopie euphorischer Erinnerungen wird und also seine Endlichkeit vergisst, das wissen wir aus den dystopischen Szenarien spätestens seit "Inception" (Filmkritik s. BP/mp 11/228). Tieschky beschreibt packend die Verlockungen und Verstrickungen einer Welt, in der das Leben nicht gelebt, sondern aufgezeichnet und abgerufen wird. Das Künstlerische an diesen künstlichen Welten ist, wie sie erzählt werden: eindringlich und bildstark, mit der leuchtenden, aber auch teuflischen Idee, dass die "Liebseligkeit" ein wünschenswerter Status für jeden Menschen ist, der lieben und geliebt werden will. Eine böse Geschichte mit wie gesagt erwartbarem Ende. Empfehlenswert.

Michael Braun

Michael Braun

rezensiert für den Borromäusverein.

Die silbernen Felder

Die silbernen Felder

Claudia Tieschky
Rowohlt Berlin (2021)

185 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 607283
ISBN 978-3-7371-0130-1
9783737101301
ca. 22,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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