Mendelssohn auf dem Dach

Wie ein böser Spuk legt sich die Herrschaft der Nationalsozialisten über die Stadt Prag. Auch der versteinerte Rudolf auf seiner Krankenbahre bemerkt den Schatten in den Gesichtern der Mitbürger, als er ins Jüdische Krankenhaus Mendelssohn auf dem Dach gebracht wird. Er weiß, dass er bald vollkommen gelähmt sein und damit Opfer der Gestapo werden wird. Doch seine Vorstellungskraft lässt ihn wieder mit Jan Kanu fahren, zelten und am Fluss frühstücken. Auch träumt er davon, seine Nichten Gréta und Adéla wiederzusehen, deren Eltern in den Osten deportiert wurden, und die sich nun bei Bekannten von Jan verstecken müssen. Doch auch denjenigen, die mit den Nazis kollaborieren, ergeht es nicht viel besser: Da sind die Tschechen Becvár und Stankovský, die Mendelssohns Statue ausfindig machen sollen, da ist Richard Reisinger, der von seinen jüdischen Eltern ein Eisenwarengeschäft erbte und nun in einem Lagerhaus mit aus jüdischen Häusern geraubten Gütern arbeiten muss. Sie alle müssen die Demütigungen der Deutschen über sich ergehen lassen und machen dabei gute Miene zum bösen Spiel - denn wer weiß, wen sie als Nächsten nach Osten abtransportieren. Was mit dem harmlos anmutenden Befehl beginnt, Mendelssohns Statue vom Konzerthaus zu entfernen, entpuppt sich als eine Schreckensherrschaft, die die Menschen immer mehr einengt und schließlich in der Deportation aller Juden endet. - Ein ergreifender und tragischer Roman, in dem deutlich wird, wie harmlos das Schreckliche zunächst scheint und wie es uns nach und nach verschlingt, wenn niemand dagegen einschreitet. Sehr zu empfehlen. (Übers.: Eckhard Thiele)

Clara Braun

Clara Braun

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Mendelssohn auf dem Dach

Mendelssohn auf dem Dach

Jiri Weil
Wagenbach (2019)

279 S.
kt.

MedienNr.: 918171
ISBN 978-3-8031-3309-0
9783803133090
ca. 22,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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