Die zweite Frau

Günter Kunert ist der Skeptiker unter den Autoren aus der ehemaligen DDR. Dort hatte er sich 1963 mit einem Gedicht über das Lampenverbot des blinden Königs Tharsos unbeliebt gemacht. Er kam unter Stasi-Beobachtung und konnte den Die zweite Frau Roman "Die zweite Frau", den er 1974/75 schrieb, nicht publizieren. Kein Wunder, erzählt diese Farce doch vom Unbehagen an der Diktatur und der heruntergekommenen Schule der Diktaturen. Ein Lob dem Wallstein Verlag, der den Roman jetzt, pünktlich zu Kunerts 90. Geburtstag am 6. März 2019, herausgebracht hat. Es ist die Geschichte des Ostberliner Archäologen Barthold, der Tagträume von Bombenangriffen auf London hat (dort verbrachte Kunert, als er den Roman schrieb, ein Gastsemester als Poetikdozent) und ein Geschenk für seine Frau sucht. Er findet einen Ring und ein Buch von Montaigne, der den Essay und die Moralistik erfunden hat. Die Stasi hält Montaigne für einen französischen Staatsfeind. In einer kuriosen Nebenhandlung versucht die Frau Bartholds, die Herkunft von im Garten gefundener Knochen zu ergründen. Der Roman, dessen Manuskript Kunert vor zwei Jahren im Keller fand (so etwas gibt es tatsächlich noch!), ist spannend und geradlinig erzählt, ein unverdrossenes Gedenkbuch an das Leben in der SED-Diktatur. Sehr empfehlenswert.

Michael Braun

Michael Braun

rezensiert für den Borromäusverein.

Die zweite Frau

Die zweite Frau

Günter Kunert
Wallstein (2019)

200 S.
fest geb.

MedienNr.: 597165
ISBN 978-3-8353-3440-3
9783835334403
ca. 20,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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