Melmoth

Melmoth, "die Zeugin", ist eine mystische Gestalt, dazu verdammt, auf ewig barfuß über die Erde zu wandeln und durch ihr unheimliches Erscheinen Menschen mit ihren ungesühnten Gräueltaten zu konfrontieren. Soviel zur Melmoth Legende, die Sarah Perry auf der Grundlage des 1820 erschienen Schauerromans "Melmoth der Wanderer" von Charles Robert Maturin weiterentwickelt hat. Im Mittelpunkt ihres vielschichtigen und intelligent verzweigten Romans steht die englische Übersetzerin Helen Franklin, die seit 20 Jahren in Prag lebt. Sie wohnt, isst und verhält sich wie eine Asketin, eine Lebensweise mit der sie sich für ein drastisches Fehlverhalten in ihrer Jugend selbst bestrafen will. Durch ihren einzigen Freund gerät sie an das geheimnisvolle Manuskript des deutschstämmigen Pragers Josef Hoffmann, in dem er über eine seltsame schwarze Frau schreibt, die sein ungesühntes Verbrechen im Krieg registriert hat. Beim Lesen wird Helen klar, dass auch sie sich seit langem von jemandem beobachtet fühlt, und sie stößt bei ihrer weiteren Recherche auf unterschiedliche Dokumente, die von ähnlichen Phänomenen berichten. Gibt es wirklich eine Zeugin? Und wer ist das in ihrem Fall? - Sarah Perry, für ihren vorhergehenden Roman "Die Schlange von Essex" (BP/mp 18/112) bereits mit dem britischen Buchpreis ausgezeichnet, schafft es, eine klassische "gothic novel" überzeugend in die Gegenwart zu transportieren, die von der Atmosphäre her sehr an "Der Schatten des Windes" von Carlos Ruiz Zafón erinnert. Mich überzeugt dabei besonders die ethische Haltung der Autorin. Für Leser/-innen, die Schauer kombiniert mit Tiefgang und literarischer Qualität schätzen.

Susanne Steufmehl

Susanne Steufmehl

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Melmoth

Melmoth

Sarah Perry ; Übersetzung aus dem Englischen von Eva Bonné
eichborn (2019)

332 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 599631
ISBN 978-3-8479-0664-3
9783847906643
ca. 24,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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