Der große Augenblick

Die mehrfach ausgezeichnete, in der Ukraine geborene jüdisch-brasilianische Autorin (1920-1977) lässt in dem kurzen Roman einen fiktiven Erzähler auftreten, der in einer ganz zurückgenommenen, betont kunstlosen Sprache eine einfache Der große Augenblick Geschichte erzählt: Macabea, ein bemitleidenswert unbedarftes junges Mädchen "aus dem Nordosten" lernt einen nicht minder unbedarften, dafür aber umso selbstbewussteren, ziemlich rüden Freund (Olimpico!) kennen, an den sie ihr Herz hängt, der sie nicht liebt sondern gnadenlos ausnützt und bei erster Gelegenheit zu Gunsten einer attraktiveren Freundin (Gloria!) im Stich lässt. Eine Kartenlegerin sagt ihr ein glückliches Schicksal voraus, das ihr Mut macht, aber ihr Ende nicht aufhält. Tief ergriffen ist der Leser von der inneren Ruhe und Zufriedenheit, die dieses bedauernswerte Geschöpf aller Armseligkeit ihrer Existenz (S.78: "sie war ein Abfallprodukt"), allen Widrigkeiten und Bosheiten der Mitwelt zum Trotz aufbringt. Was diesen Roman jedoch in besonderem Maße charakterisiert, ist die grüblerische, fast selbstquälerische Attitüde des Erzählers, der sich immer wieder an den Leser selbst wendet, ihn in seiner gestalterischen Unsicherheit, ja Verzweiflung in das Geschehen einbezieht und als beurteilende Instanz einfordert. Vor allem am Anfang des Romans mag dieses gewissermaßen zweidimensionale Erzählen manchen Leser verunsichern. Insofern eine durchaus herausfordernde, aber sicher lohnende Lektüre mit Tiefgang - für ambitionierte Leser. (Übers.: Luis Ruby)

Helmer Passon

Helmer Passon

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Der große Augenblick

Der große Augenblick

Clarice Lispector
Schöffling (2016)

125 S.
fest geb.

MedienNr.: 821792
ISBN 978-3-89561-623-5
9783895616235
ca. 18,95 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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