Die Tage, die ich mit Gott verbrachte

Vom Beruf zermürbt, sich nahezu selbst verlierend begegnet der Ich-Erzähler einem alten Herrn, der ihn vor einem herunterstürzenden Globus rettet. Er trifft ihn wieder, als der als Gott Identifizierte Champagnerflaschen in den Glascontainer Die Tage, die ich mit Gott verbrachte wirft. Etwas später machen die beiden zahlreiche Spaziergänge durch München. Gott verstößt dabei lächelnd gegen die Naturgesetze, zeigt aber auch gigantisch vergrößert Feinheiten der Natur und die Emotionslosigkeit des Zusammenspiels von Naturkräften. Es geht zum einen um die Schöpfung und die Welt, zum anderen um das Kleine, was für den Einzelnen die Welt bildet. Mit der Uhr des Vaters kommen auch Gedanken zur Zeit und Lebensängsten bildhaft zur Sprache. Das Buch endet nach einem heiteren Spiel mit dem Begriff der Levitation sehr tröstlich: Der Protagonist fühlt sich gestärkt in seinem Umfeld wieder. - "Das übersteigt deine Vorstellungskraft." Unter dieser Prämisse ist der Blick in die Tiefen religiöser Geheimnisse genauso möglich wie eine Gottesbegegnung auf der Ebene des Alltäglichen. Nicht umsonst lässt Hacke Gott Schubladen aufziehen, denn weiter reichen unsere Denkmöglichkeiten nicht. In den wirklichkeitsnahen und dennoch ins Surreale abschwenkenden Szenen weckt der Autor viele Bilder beim Leser. Bei der Schilderung des Büro-Elefanten blitzt eine Assoziation zu Platons Ideenlehre auf. Michelangelos Adam, dessen Finger Gott gerade so berührt, zitiert er selbst. Die angedeuteten Gedanken zum Verhältnis Gottes zu seiner Schöpfung kann man verbinden mit den Rabbinern, die angesichts der Leiden in Auschwitz über Gott richteten ... Die subjektiven Verbindungen, die jeder Leser für sich aus seiner Welt- und Lebenserfahrung finden wird, werden höchst unterschiedlich sein. Gerade durch manch schnoddrige Wort- und Bildwahl und das Spiel mit den "hochheiligen" Regeln der uns erkennbaren Naturgesetze dürfte die Parabel auch den religiösen Dogmen Fernstehende ansprechen. Einen entscheidenden Beitrag leisten dazu auch die naiv-realistisch gestalteten Bilder von Michael Sowa, die den Text nochmals im Hier und Jetzt verankern und damit die Aktualität, ja die Unabweisbarkeit der Beschäftigung mit Gott und Schöpfung betonen. - Eine äußerst unterhaltsame Gelegenheit, über große Fragen nachzudenken und ins Gespräch zu kommen.

Pauline Lindner

Pauline Lindner

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Die Tage, die ich mit Gott verbrachte

Die Tage, die ich mit Gott verbrachte

Axel Hacke. Mit Bildern von Michael Sowa
Kunstmann (2016)

101 S. : Ill. (farb.)
fest geb.

MedienNr.: 587388
ISBN 978-3-95614-118-8
9783956141188
ca. 18,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
Diesen Titel bei der ekz kaufen.