Die Tränen des Propheten

Mehdi ist knapp vierzig, als ihn ein Erzengel besucht. "Siehe!", ruft er: "Du bist der Gesandte Gottes und ich bin Gabriel!" Mehdi lebt in der Großen Stadt, und er hat Probleme mit seinem Hühnerauge. Diese Erwähnung Die Tränen des Propheten gibt der biblischen Wucht der Geschichte eine banale Erdung. Handy und Twitter-Account verorten Mehdi im Hier und Jetzt. Das ergibt eine große Fallhöhe. - Fortan wartet Mehdi auf einen zweiten Besuch Gabriels, um von ihm Weisungen zu erhalten. Das bereitet ihm schlaflose Nächte - und macht ihn unerträglich für Frau und Tochter, die den "Wahnsinnigen" verlassen. Seine Freunde, Musa der Friseur, Bäcker Ibrahim und Yunus der Fischer, lachen ihn aus: "Alle Propheten haben Wunder gewirkt. Hast du auch schon eins? Ist dein Hühnerauge geheilt?" Ziellos streift Mehdi durch die nächtliche Stadt auf der Suche nach dem Engel, folgt einer Prostituierten (ist es Gabriel oder der Versucher?) und kommt zur Erkenntnis, "früher war es einfacher, ein Prophet zu sein, da kannten sich die Menschen noch". - Das Gedankenexperiment des türkisch-kurdischen Autors Yavuz Ekinci ist ein großer satirischer Lesespaß. Allerdings muss man sich zuvor durch vierzig Seiten Einbettung in die biblische Mythenwelt kämpfen. Ab mittleren Beständen geeignet.

Karin Blank

Karin Blank

rezensiert für den Borromäusverein.

Die Tränen des Propheten

Die Tränen des Propheten

Yavuz Ekinci ; aus dem Türkischen von Oliver Kontny
Verlag Antje Kunstmann

205 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 598639
ISBN 978-3-95614-317-5
9783956143175
ca. 18,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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