Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969

Der Titel sagt schon viel: Ein manisch-depressiver Teenager erzählt von seiner Kindheit im Zusammenhang mit dem Terrorismus im Deutschland der späten 1960er und 1970er Jahre. Und das auf zum Bersten gefüllten 800 Seiten, mit 98 Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969 Kapiteln von barocker Fabulierlust und surrealer Erzählkraft, was an die Anfänge von Günter Grass erinnert. Auch Frank Witzel steckt seinen Erzähler (wie einst Oskar Matzerath) in ein Sanatorium und macht ihn dadurch zu einem unzuverlässigen Zeugen der Zeit, die er reichlich mit den sozialen und symbolischen Insignien der wohlstandsgesättigten, vom Terrorismus verunsicherten 'alten' Bundesrepublik ausschmückt, vom Nickipullover bis zu "Bonanza". Eine wichtige Rolle spielt neben der Musik der Beatles und der Stones auch das katholische Ambiente, in dem man noch Lügen zur Samstagsbeichte trägt und lateinische Messriten kennt. Grandios sind einige religiöse Kapitel, etwa über das apokryphe Leben des Selbstmörders Judas. Dennoch rundet sich der Roman nicht zum Generations- oder gar Epochengemälde. Zu disparat sind die Erzählformate (Aphorismus, Tagebuch, Drama, Gedicht, Essay), zu verwirrend der andauernde Wechsel zwischen Realistik und Fiktion. Es bleibt eine im Ganzen aber doch anziehende Lektüre: ein Romankoloss, den man anstaunen, aber nicht richtig erfassen kann. (Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2015 - Shortlist.)

Michael Braun

Michael Braun

rezensiert für den Borromäusverein.

Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969

Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969

Frank Witzel
Matthes & Seitz (2015)

817 S.
fest geb.

MedienNr.: 583411
ISBN 978-3-95757-077-2
9783957570772
ca. 29,90 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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