Beileibe und Zumute

Wer sich von Gedichten Schönheit, Wohlgefallen, Tränen des Schmerzes oder der Freuden erhofft, sollte vielleicht lieber zu einem anderen Lyrikband greifen. Wer aber die Lektüre von Gedichten liebt, weil dort Sprachgewohnheiten infrage Beileibe und Zumute gestellt werden, weil wir dort neue Wortschöpfungen entdecken, weil wir dort mit bislang unbekannten Weltsichten konfrontiert werden, dem sei dieser Gedichtband "Beleibe und zumute" sehr empfohlen. "Ich habe Sprache wie andere Hunger, Mangel und Überborden zugleich", heißt es in einem Gedicht mit dem Titel "Lückenloser Lebenslauf erwünscht". Oder unter dem Titel "Noch Fragen?": "Wann haben wir zuletzt ein Gespräch über Syntax geführt/ wie über Bäume oder ein bedrohtes Naturschutzgebiet?" Gedichte findet man hier, wie sie politischer in Zeiten der Klimakatastrophen und der immer enger werdenden Weltdigitalisierung nicht sein können. Doch sofort wird das uns allzu bekannte apokalyptische Denken abgebrochen mit schwindelerregenden Wortspielereien, mit kleinen, uns irritierenden, manchmal auch aufregenden Alltagsgeschichten, so zum Beispiel in einem Langgedicht über den Aufenthalt in einem Wartezimmer. "Ist dieses Gedicht kindersicher, rutschfest, trittschallgedämpft". Die Autorin hat, man merkt es bei der Lektüre schnell, nur selten Wörter erfunden, sondern sie hat sie nur irgendwo im Alltag, zumeist in Gebrauchsanweisungen und im Behördendeutsch gefunden. Das alles ist Lyrik auf der Höhe der Zeit. Für viele Leserinnen und Leser sicherlich eine Zumutung, aber ist es die Aufgabe von Literatur, unser Weltbild und unsere Sprachgewohnheiten immer nur zu bestätigen, statt alles auch einmal durcheinanderzuwirbeln?

Carl Wilhelm Macke

Carl Wilhelm Macke

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Beileibe und Zumute

Beileibe und Zumute

Ursula Krechel
Jung und Jung (2021)

107 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 603755
ISBN 978-3-99027-247-3
9783990272473
ca. 20,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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