Wild Card

Was geschieht, wenn ein singuläres Ereignis eintritt, mit dem keiner gerechnet hat? Die Zukunftsforschung verbucht die massiven Wirkungen aufs kollektive Gedächtnis und Sozialverhalten unter dem Begriff "Wild Card", den die Autorin Wild Card Claudia Sammer als Titel für ihren Roman verwendet. Eine Frau und ein Mann streifen in unserer Gegenwart durchs nächtliche New York. Sie unterhalten sich über ihre Eltern, erzählen sich ihre Lebensträume und Todesängste, wünschen sich das Ausbalancieren innerer und äußerer Gegensätze. Im Mittelpunkt steht der terroristische Anschlag auf die Twin Towers am 11. September 2001. Die Katastrophe kommt aber nicht dokumentarisch und retro-realistisch zur Sprache, sondern in Trümmern der Erinnerung, als familiäre Gedächtnisgruft bei Totte, der in den Minuten des Anschlags geboren wurde, als Erinnerungstrauma bei seiner früheren Nachbarin Gitti, die das erste Flugzeug von ihrem Hotelzimmer aus wahrgenommen hat und jetzt als Traumtherapeutin arbeitet. In den blitzartig auftauchenden Bildern der Katastrophe und den Begleiterinnerungen entwickelt der Roman einen Sog, der allerdings zum Ende hin nachlässt, weil sich die Figuren nicht einig sind, wie sie das zwanzig Jahre zurückliegende Ereignis verarbeiten sollen: mit Besserwissen oder Analysieren oder dem Studieren des Himmels geht das jedenfalls nicht so gut. Aber das Erzählen befreit und zeigt eine andere, vielleicht neue Ordnung der Dinge. Lesenswert.

Michael Braun

Michael Braun

rezensiert für den Borromäusverein.

Wild Card

Wild Card

Claudia Sammer
braumüller (2021)

173 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 606676
ISBN 978-3-99200-307-5
9783992003075
ca. 20,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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