Filmtipp

Tigermilch

Verfilmung des Jugendromans um einen bewegten Sommer

Sommerferien, Coming-of-Age, Freundschaft, Vertrauen, Mutproben, Drogen, Defloration, Liebeskummer, Provokation, Sprachwitz, Prostitution, Berlin, Party machen, Integration, Multikulti, Ehrenmord, Afghanistan- Veteranen, Abschiebung: Geradezu aus dem Übervollen schöpfte Ute Wieland bei ihrer betont schwungvollen Verfilmung von Stefanie de Velascos Jugendroman, der seinerseits bereits etwas unter thematischer Überfrachtung ächzte. Die entscheidende Frage ist, ob der Film den eigentümlichen „Sound“ und die provokante Härte der literarischen Vorlage vermitteln kann – ohne dabei die jugendliche Zielgruppe im Kino durch allzu viel „Realismus“ zu verfehlen oder gar zu verschrecken.

Nini und Jameelah sind beste Freundinnen, leben in benachbarten Berliner Blocks und gehen in dieselbe Schulklasse. Allerdings ist die gewitzte Jameelah eine notorische Klassenprima, während Nini eher eine dürftige Schülerin ist, was auch damit zu tun haben könnte, dass ihre Mutter Alkoholikerin ist. Doch jetzt sind erst einmal Sommerferien – und man könnte, so eine erste Idee, die Zeit nutzen, um sich einen tollen Jungen zu suchen und sich entjungfern lassen. Oder vielleicht andersrum. Die 14-jährigen Freundinnen stromern shoppend durch die City, hängen im Freibad ab und warten, „Tigermilch“ (Mariacron + Maracuja- Nektar + Milch) trinkend, auf größere Abenteuer. Und Jameelah, geflüchtet aus dem Irak, insbesondere darauf, dass für sie und ihre als Krankenschwester arbeitende, alleinerziehende Mutter die Sache mit der Aufenthaltsgenehmigung endlich klappt.

Der Film nimmt Fahrt auf, etabliert und verdichtet Figuren, Milieu und Aufbruch episodenhaft, unterlegt wechselweise mit juvenilem Deutsch-Rock (Kicker Dibs) und aufmüpfigen Dancehall-HipHop (Chefboss). Die Abenteuer der beiden Jugendlichen changieren zwischen mal ausgelassenen, mal derben Späßen, skizziertem familiärem Hintergrund und seltsam „realistischen“ Einsprengseln, wenn sich das kecke Duo auch schon mal unter die Prostituierten des Berliner Straßenstrichs mischt, um einen willigen Freier zu foppen. Oder einfach mal laut „Nazi!“ rufend durch die Straßen rennt und staunt, wie die Menschen darauf reagieren.

Die Impressionen sommerlicher Leichtigkeit überschattet allmählich ein Konflikt, der sich langsam in den Film einschleicht und dessen Tonfall ändert. Auch die junge Muslima Jasna kämpft um ihre Freiheit, sich verlieben zu dürfen, hat aber mit entschiedenerem Gegenspiel zu rechnen. Was jetzt passiert, könnte aus „Tom Sawyer“ stammen: Mitten in der Nacht, als sie ein magisch-romantisches Ritual performen, werden Nini und Jameelah Augenzeuginnen, wie Jasna von ihrem älteren Bruder erstochen wird. Ein so genannter Ehrenmord. Die Verantwortung für die Tat wird später ausgerechnet der mit den Mädchen befreundete Amir übernehmen, weil er noch zu jung ist, um für den Mord juristisch zur Rechenschaft gezogen zu werden. Jetzt haben Nini und Jameelah ein Problem, das ihre Freundschaft auf die Probe stellt. Jameelah, die weiß, was Gewalt und Blutrache bedeutet, will kein Aufsehen erregen, während Nini, diesbezüglich eher naiv, schon eine Aussage bei der Polizei machen würde. Zugleich engagieren sich die Mädchen für die Freilassung von Amir, der sein Geständnis widerrufen soll. Es kommt darüber zum buchstäblich handgreiflich ausgetragenen Streit.

Jetzt rächt es sich, dass „Tigermilch“ zuvor sehr auf die schwungvolle Streich-Fähigkeit des Duos und das bestenfalls schemenhafte „Antriggern“ verbindlicher Konflikte gesetzt hat, denn der Umschwung ins Ernsthafte überfordert die Darstellerinnen spürbar. Da hilft es dann auch nicht, dass die Sache mit dem „Ehrenmord“ halbwegs zur Zufriedenheit geklärt wird, weil in dem ganzen Trubel und den Verwerfungen des Sommers eine Sache irgendwie aus dem Blick geraten ist, die dem Film dann noch ein höchst melodramatisches Finale und vielleicht die Aussicht auf eine Fortsetzung der Geschichte von Nini und Jameelah verpasst. So ächzt „Tigermilch“ etwas unter der Zumutung divergierender Tonlagen und Konflikte, was der jugendlichen Zielgruppe, die ja in der Regel den Erfahrungshorizont der Figur Jameelah nicht teilt, vielleicht gar nicht als problematisch auffallen wird.

Ab 17.08.2017 im Kino

Ulrich Kriest
Filmdienst
16.08.2017

Tigermilch

Nina und Jameelah, seit Kindheitstagen unzertrennliche Freundinnen, leben in derselben Siedlung in Berlin, finden sich mit ihren 14 Jahren eigentlich erwachsen und probieren das Leben der Erwachsenen aus, indem sie sich an die Kurfürstenstraße Tigermilch stellen und das Projekt Entjungferung betreiben, auf dem Schulklo Milch mit Mariacron und Saft zu "Tigermilch" mischen und trinken und mit dem Sprayer Nico in Telefonzellen Ott rauchen. Amir beschützen sie wie einen kleinen Bruder, halten sich für cool und unverwundbar, feiern wilde Partys und schaffen sich eine Welt mit eigenen Gesetzen. Doch Jameelah und ihre Mutter sind von Abschiebung zurück in den Irak bedroht, Amirs Schwester liebt einen Serben - für eine bosnische Familie unvorstellbar -, und als dieser Familienkonflikt eskaliert, müssen die beiden Freundinnen erkennen, dass nichts so bleiben wird, wie es diesen Sommer war, und dass sie lernen müssen, das Leben auszuhalten. - Dieser schrille und poetische Roman, mit seiner schonungslosen und dann wieder zarten Sprache wird keinen Leser unberührt lassen. Nominiert für den Deutschen Literaturpreis.

Gudrun Eckl

Gudrun Eckl

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Tigermilch

Tigermilch

Stefanie de Velasco
Kiepenheuer & Witsch (2013)

279 S.
fest geb.

MedienNr.: 575501
ISBN 978-3-462-04573-4
9783462045734
ca. 16,99 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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