Kippatragende Person von Hinten in Reisebus (Foto von Levi Meir Clancy auf Unsplash)
Foto von Levi Meir Clancy auf Unsplash

Angst-, Wut- und Mut-Geschichten

Aktuelle Romane und Essays über junges jüdisches Leben in Deutschland

von Michael Braun

Was ist eigentlich Judentum? Eine „Religion“, eine „Kultur“, eine „Tradition“? Wie sieht junges jüdisches Leben in Deutschland aus, zumal nach dem 7. Oktober? Welche Folgen hat der Terror der Hamas für die Selbstverständlichkeiten einer interkulturell aufgewachsenen Generation junger deutscher Juden? Welche Rolle spielt der Antisemitismus? Wo wird darüber erzählt? Und warum lohnt es, die Geschichten junger Autorinnen und Autoren über Juden im aktuellen Deutschland zu lesen? Antworten geben eine Reihe von neueren Romanen und Essays.   

Jüdischsein heute ist eine Zusammensetzung „aus vielen Identitäten“, beteuert die Publizistin Andrea von Treuenfeld. Das bestätigen 25 öffentlichkeitswirksam Tätige, die sie für ihre Anthologie Jüdisch jetzt! Junge Jüdinnen und Juden über ihr Leben in Deutschland (2024) um ein Selbstporträt gebeten hat, sei es ein Politiker oder ein Dirigent, eine Schriftstellerin oder eine Unternehmerin, ein Rapper oder ein Militärrabbiner, eine Moderatorin oder eine Malerin, eine Sängerin oder ein Theaterautor.

Orte Zwei Buchcover für jüdische Selbstbestimmung in Deutschland

Da ist Noam Brusilowsky, 1989 in Haifa geboren, Theaterautor und Regisseur in Berlin. Er sieht sich „als Teil einer globalen Einwanderung von jungen Menschen“. Auf dem Pass ist er deutscher und israelischer Staatsbürger, im beruflichen Selbstverständnis aber als „Wanderer“ und „Gast“ nicht auf ein System festgelegt.

Sveta Kundish, 1982 in Tschernobyl geboren, ist ebenfalls in Berlin und dort als Kantorin und Sängerin tätig. Sie entdeckte auf einem Klezmer-Festival in Moskau ihre Verbundenheit mit dem Judentum. Daraus entwickelte sich eine unorthodoxe und mit Ironie spielende Identität, die dem Erzählen vom Exodus der Israeliten aus der ägyptischen Knechtschaft treu bleibt: „In diesem Jahr nehme ich eine feministische Haggada und im nächsten eine vegane Haggada. Haggadot gibt es zahlreiche, in jeder Ecke der Welt schreibt die nächste Generation eine neue Haggada. Was ist Haggada? Die Geschichte von dem Auszug aus Ägypten.“

Eine wichtige Stimme der jungen jüdischen Generation in Deutschland ist Hanna Veiler. Geboren 1998 im Belarus, war sie 2023 bis 2025 Präsidentin der Jüdischen Studierendenunion Deutschland und ist derzeit Vizepräsidentin der European Union of Jewish Students. 2024 wurde sie von der Europäischen Bewegung Deutschland als „Frau Europas“ ausgezeichnet. Ihr Essay Jung, jüdisch, wütend, Anfang Oktober 2026 im Piper Verlag erschienen, geht dem Ringen ihrer Generation um einen neuen jüdischen Ort in Deutschland nach. Veiler erzählt, was passiert, wenn die Hoffnung auf eine Deutschland mitgestaltende jüdische Gemeinschaft angesichts von Krieg und Terror in Nahost der Angst vor einer anti-israelischen, antisemitischen Stimmung weicht. 

Angst-, Zwei Buchcover Wut- und Mutgeschichten

Wut und Mut kommen so in ein spannungsvolles Verhältnis. Max Czollek, 1987 geboren, 2016 am Zentrum für Antisemitismusforschung promoviert, hat sich von der konventionellen Rolle der Juden in Deutschland bereits in seiner Kampf- und Denkschrift Desintegriert Euch! (2018) distanziert. Er argumentiert für ein Ende des „Gedächtnis-“ und „Integrationstheaters“, das Jüdinnen, Juden und Migranten in Deutschland ‚spielen‘ würden. 

Czolleks jüngster – und auch erster – Roman Zweifelssohn (2026) macht die Probe aufs Exempel: Der Autor lässt seinen Protagonisten durch Deutschland reisen und den populistischen und nationalistischen Aufstieg der AfD aus jüdischer – und auch biblischer – Perspektive erleben. Den Namen seines Deutschlandreisenden bringt der Autor, wie er im Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND, 18.9.2026) erklärte, mit dem Aufklärungsphilosophen Moses Mendelssohn in Verbindung, „aber mit Zweifel.“ Zweifel, das bedeutet aber auch das Gegenteil von Einfalt und steht für mit- und weiterdenkendes Erzählen. Zugleich spielt der Titelname mit dem Adverb „zweifelsohne“, befragt also vermeintlich stabile Gewissheiten. 

Erzählen von Jugend und Jüdischsein

Dana Vowinckel, 1996 in Berlin geboren, ist eine leuchtende Stimme des neuen jüdischen Erzählens. 2021 hat sie beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt gelesen und für einen Auszug aus ihrem Roman Gewässer im Ziplock den Deutschlandfunk-Preis erhalten. Im August 2023 ist der Roman erschienen. Der Titel deutet schon eine grundsätzliche Ambivalenz beim Erzählen an. Es gibt keinen Reißverschluss für einen so vielstimmigen und mäandernden Komplex wie ‚jüdische Identität‘. 

Der Roman erzählt die Geschichte des Teenagers Margarita. Ihr Vater ist Kantor in Berlin; er singt den Besuchern der Synagoge die Ruhe zum Beten herbei. Die Mutter lebt als Linguistin in Israel. Und Marga, die Tochter, ist bei ihren Großeltern in Chicago, stört sich an den Geräuschen, die ihre Großmutter beim Joghurt-Essen macht, wenn sie auf den Löffel beißt, und wird von Nico, in den sie verliebt ist, nach einem auf Hebräisch geführten Telefonat mit ihrem Vater gefragt, ob sie eine Zionistin sei.

Zwischen Amerika, Deutschland und Israel entfaltet sich die Romanhandlung um eine junge Frau, für die das Judentum zu ihrem Familienleben gehört, aber im Alltag nur aus einer nichtjüdischen Außenwahrnehmung auffällt. Dafür ist das merkwürdige Essgeräusch von Margas Großmutter ein Symbol. Es steht für Störgeräusche, die Menschen auf eine einseitige Auffälligkeit oder auf eine exotische Zwei Buchcover Zugehörigkeit reduzieren. Der Titel der englischen Übersetzung des Romans bringt das auf den Punkt. „Misophonia“, das heißt, überempfindlich auf Alltagsgeräusche zu reagieren, auf Resonanzen eines aufgeheizten öffentlichen Diskurses.

Dana Vowinckels zweites Buch Anton und Alma lässt einen Liebesroman erwarten. Doch es ist viel mehr als eine Geschichte vom Miteinander und Auseinander von zwei Menschen, die Dana Vowinckel da erzählt und die gleich auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2026 landete. 

Zunächst geht es auch in Anton und Alma um junges jüdisches Leben, in Deutschland, in Amerika, in Israel. Aber dieser Roman ist kein braves Sequel. Vowinckel lässt eine unbeschwerte Liebe zweier Berliner Millennials ungebremst auf unsere polykritisch durchgeschüttelte Realität treffen. Anton und Alma durchstehen gemeinsam die Corona-Jahre, auf den Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober reagieren sie auf unterschiedliche Weise, und auch der Umgang mit Antisemitismus und Israel-Kritik ist nicht so einfach.

Anton Weiss und Anna Bormann treffen sich auf einer Berliner Party. Sie kennen sich schon länger, von der Schule, von einem Frankreichseminar. Das erste Date wird von Anton durchkreuzt, weil ihn seine Mutter Orna, eine „erschöpfte jüdische Rassistin“, an ihren Geburtstag erinnert. Orna arbeitet als Chefärztin an der Charité und teilt mit ihrem Mann Gary, einem Literaturwissenschaftler, ein unorthodoxes Verständnis von Judentum. Alma ist Deutsche, hat keine Akademikereltern, ihre Mutter hat ein zweites Mal geheiratet, einen Weinhändler, dessen Liebe zu Alma „auf Pump“ ist. Dazu kommen Großeltern. Die von Anton leben in Genf und Tel Aviv sowie in New York. Eine Familienaufstellung, die es in sich hat.

Alma hat Anton, wie es im Roman heißt, „geborgen“. Aber so sehr das Paar zueinander zu gehören scheint, auch im Studium und im Freundeskreis, so sehr driften beide auseinander, wenn Zugehörigkeitswunsch und Zukunftsplanung aufeinanderprallen. Alma ist praktisch eingestellt und hat keine Probleme damit, an Jom Kippur zu fasten und auf den Weihnachtsmarkt zu gehen. Als Anton in Amerika über jüdische Konversions-Narrative und Verschwörungsmythen promoviert, beginnt sie, in Berlin Hebräisch zu lernen, und bereitet sich darauf vor, zum Judentum überzutreten. Anton aber hat keine „Identitätsissues“; er findet keine Worte, um auszudrücken, was sein Judentum eigentlich ausmacht. So richtig scheint das mit einem Zusammenleben, das sicher, frei und konfliktlos ist, nicht zu klappen. Denn immer wieder wird die Liebe von Ängsten und Hoffnungen überfordert.

Welche Rolle spielt Liebe in der Geschichte eines Lebens? Wie verstehen junge Juden und Deutsche hierzulande eine Geschichte, die beide mehr trennt als vereint? Und was schmiedet sie, über ihre Herkunft hinweg, zusammen? Dana Vowinckel erzählt, was passiert, wenn jemand „an ein Gutes im Bösen“ glaubt. Ihr Roman folgt den persönlichen, politischen und religiösen Stationen auf dem Weg von zwei jungen Menschen in ein gutes Leben, bis zum Ende mit einem Sonnenuntergang, der „höhnisch schön“ ist. „Alles war Romanze, nur die Welt war Tragödie“, heißt es einmal.

Erzählen koscher light

Von jungem jüdischen Leben in Deutschland zu erzählen, heißt also zunächst nicht, die Geschichten auf ein vermeintlich deutsches Judentum zu verengen. Im Gegenteil. Die Geschichten von dem, was Jüdischsein ausmacht, sind kosmopolitisch, tragikomisch und krisenbewusst, aufgeschlossen und zugleich wachsam gegenüber einer zeitgenössischen nichtjüdischen Öffentlichkeit. Jung an diesem Erzählen ist, dass es weder die Idee einer deutsch-jüdischen Symbiose braucht noch die Konzentration auf den Holocaust als Zivilisationsbruch. Junges jüdisches Erzählen ist kreativ, vielstimmig. Es steht für einen ungezwungenen urbanen Umgang mit jüdischer Religion und Symbolik, mit jüdischen Essenstraditionen und Mode-Erscheinungen: ein Erzählen koscher light.


September 2026

Prof. Dr. Michael Braun ist Referent Literatur bei der Konrad-Adenauer-Stiftung e. V. und Rezensent für den Borromäusverein.

Michael Braun

Rezensent im Fokus

Michael Braun

Bücher müssen keine Ratgeber sein, schon gar keine guten, sie ersetzen weder Kommunikation mit...

Literatur

  • Maxim Biller: Schwarze Samstage. Roman eines Jahres. Köln: Kiepenheuer&Witsch, 2026.
  • Max Czollek: Zweifelssohn. Roman. München: Piper, 2026.
  • Alina Gromova: Generation „koscher light“. Urbane Räume und Praxen junger russischsprachiger Juden in Berlin. Bielfeld: transcript Verlag, 2013.
  • Kunst:Stück: Junges jüdisches Leben. Kulturpodcast der Konrad-Adenauer-Stiftung - Folge 16 mit Dana Vowinckel und Prof. Dr. Michael Braun - kunst:stück - Podcast
  • Hanna Veiler: Jung, jüdisch, wütend. Unser Ringen um eine Zukunft in Deutschland. München: Piper, 2026.
  • Andrea von Treuenfeld: Jüdisch jetzt! Junge Jüdinnen und Juden über ihr Leben in Deutschland. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, 2024.
  • Dana Vowinckel: Anton und Alma. Roman. Berlin: Suhrkamp, 2026.
  • Dana Vowinckel: Gewässer im Ziplock. Roman. Berlin: Suhrkamp, 2023.

Medienempfehlungen