Zum Religiösen Buch des Monats: Januar 2026 | Februar
Liebe - notwendiger denn je!
Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch am größten unter ihnen ist die Liebe“ schreibt Paulus im ersten Brief an die Korinther. Nach je einem Band zu den Themen Glaube („Die Schießler-Bibel“) und Hoffnung („Hoffnung
– gerade jetzt!“) legt der populäre und unkonventionelle Münchener Pfarrer nun als Komplettierung der Trilogie einen Band zur Liebe vor. Alle drei Bücher sind aber völlig unabhängig voneinander lesbar. Die Einteilung dieses dritten Bandes folgt im weitesten Sinn den fünf „Sprachen der Liebe“ nach Gary Chapman: Gemeinsam Zeit verbringen; körperliche Zuwendung; Hilfsbereitschaft; Lob und Anerkennung; Geschenke, die von Herzen kommen. Schießler findet alle diese Sprachen der Liebe bei Jesus, der durch sein Leben die Liebe Gottes bezeugt und verwirklicht hat und zugleich Vorbild und Kraftquelle für eigenes liebevolles Handeln sein kann. Dabei geht es weniger um die Liebe als Gefühl, sondern eher um eine bewusste Haltung. Wie in den beiden anderen Bänden folgen auf jeweils einen (hier mit wenigen Ausnahmen neutestamentlichen) Bibeltext Gedanken und Auslegungen, die die biblischen Textaussagen für heutige Menschen verständlich machen. Dabei findet der Autor oft einprägsame sprachliche Bilder, etwa wenn er schreibt: "Kirchliche Schönheit liegt in der Farbigkeit ihrer Gemeinden … Mit diesen Gemeinden ließe sich ein wunderschöner Regenbogen an den Himmel zaubern, der die Menschen – Gläubige wie Nichtgläubige – durch seine Botschaft von Freude und Frieden verzaubern könnte" (S.33). Die harte Realität und die Zumutungen des Glaubens und der Liebe spart er dabei keineswegs aus. "Christlich zu leben, bedeutet darum nicht, sich aus der bösen Welt zurückzuziehen …" (S. 257). Und auch mit kritischen Worte gegenüber seiner Kirche spart er nicht. Doch er nimmt zugleich jeden Einzelnen in die Pflicht, mit Kirchenkritik nicht mangelndes eigenes Engagement für ein lebendiges und glaubwürdiges Gemeindeleben zu rechtfertigen. Seine Vision von Kirche ist eine ur-biblische: eine gemeinschaftlich getragene Kirche im Dienst an den Menschen; eine für alle offene, einladende Kirche, die die Menschen mit ihren Sorgen und Nöten, mit ihrer Lebensrealität, ernst nimmt, begleitet und stützt; und eine Kirche, die gesellschaftlich Stellung bezieht. Denn die Bibel, das vermittelt Schießler in seinen Texten, kann auch in unserer Zeit wichtige Impulse für ein gutes gesellschaftliches Miteinander geben – und diese sind gerade heute vielleicht "notwendiger denn je". – So eignet sich das Buch für alle Interessierten, seien sie aktive oder passive Kirchenmitglieder oder auch eher kirchenfern. Es ist eine Fundgrube für neue Blickwinkel auf die ausgewählten biblischen Überlieferungen. (Religiöses Buch des Monats Februar)
Monika Graf
rezensiert für den Borromäusverein.
Liebe - notwendiger denn je!
Rainer Maria Schießler
Kösel (2025)
268 Seiten
fest geb.
Auszeichnung: Religiöses Buch des Monats
Den Goldgrund in allem finden
Der Jahreswechsel löst bei den meisten Menschen gemischte Gefühle aus: Einerseits hofft man, dass vieles besser werden möge, andererseits fürchtet man sich auch vor dem, was da noch im Dunklen vor uns liegt, gerade wenn schon die gegenwärtigen
Zeiten alles andere als leuchtend sein mögen. Die Benediktinerin Carmen Tatschmurat möchte mit ihrem neuen Jahresbegleiter „Den Goldgrund in allem finden“ den Leserinnen und Lesern Impulse an die Hand geben, gerade auch in dem, was dunkel erscheint, dennoch Spuren einer helleren Wirklichkeit zu entdecken – so wie bei Ikonen in der byzantinischen Kunst der goldene Hintergrund auch dann immer wieder durchscheint und sichtbar wird, wenn die Ikone durch Kerzenruß und Weihrauch schon stark verdunkelt ist. Der Jahresbegleiter ist zwar nicht streng chronologisch aufgebaut, aber doch dem Jahreslauf folgend geordnet, einerseits nach den drei großen christlichen Festkreisen Advent/Weihnachten, Ostern und Pfingsten. Den Alltagen im Jahreskreis sind dann thematisch gruppierte Betrachtungen zugeordnet unter den Überschriften „Anfangen“, „Herausforderungen des Alltags“, „Wo wir leben“, „Im Gespräch mit Gott“, „Segnen – Frieden stiften“. So wollen insgesamt 52 kurze Betrachtungen für alle Wochen des Jahres, zwei bis maximal vier Seiten lang, entsprechende Hinweise geben auf „Goldspuren, durch die eine andere Wirklichkeit durchschimmert“, es sind Überlegungen, Assoziationen und Bilder, die sich aus erlebten Alltagserfahrungen der Autorin ergeben haben, aus bestimmten Begegnungen oder aus einem gelesenen Text oder Gedicht. Überraschend ist es beispielsweise, wenn die Autorin unter dem Stichwort „Ambivalenzen“ darauf hinweist, dass Jesus erst NACH seiner Taufe im Jordan in der Wüste vom Satan versucht wurde – ein klares Zeichen dafür, dass mit der bewussten Entscheidung für ein Leben mit Gott die Anfechtungen keineswegs aufhören. Endgültige Lösungen werden wir auf dieser Welt nicht finden, wir müssen vielmehr versuchen, gerade in all dem Ambivalenten die richtige Haltung und den Seelenfrieden zu finden. Beim Nachdenken über „heilige Räume“ stellt Schwester Carmen zunächst fest, wie uns bestimmte, eigens zu diesem Zweck gestaltete Orte durchaus dabei helfen können, zur Ruhe zu kommen, die Welt für eine gewisse Zeit hinter uns zu lassen, andererseits hebt sie hervor, dass sich im Grunde jeder Ort als heiliger Ort erweisen kann – dann, wenn wir für Gottes Gegenwart offenbleiben und ihn auch an ganz unerwarteten Orten entdecken. Ein Blick auf die vielen Wallfahrtsorte mit unzähligen erhörten Bitten lässt die Autorin die Fragen stellen: „Hilft beten? Hilft mehr zu beten besser?“ Einerseits werden wir in der Heiligen Schrift tatsächlich immer wieder von Jesus aufgefordert zu bitten. Trotzdem darf man Beten nicht eins zu eins gleichsetzen mit Bitten. „Beten bedeutet in erster Linie, im Gespräch mit Gott zu bleiben.“ Wenn wir im Gespräch mit Gott unsere Bitten näher anschauen, „kann [es] auch geschehen, dass das Gebet zwar gehört, dass uns aber ein ganz anderer, ein besserer Weg gezeigt wird.“ Die Autorin will mit ihren Betrachtungen keineswegs unwiderlegbare Erkenntnisse oder revolutionäre Neuansätze vermitteln, doch ihre kleinen Impulse, die feinen Alltagsbeobachtungen entspringen, gehen immer in die Tiefe, vermitteln gewinnbringende Inhalte und überzeugen durch ihre bedachtsamen Formulierungen, die ein weiteres Nachdenken ermöglichen – und dafür eine fruchtbare Richtung aufzeigen. Sich jede Woche einen Abschnitt dieses Jahresbegleiters vorzunehmen, ist gewiss ein lohnender Vorsatz für das neue Jahr! (Religiöses Buch des Monats Januar)
Den Goldgrund in allem finden
Carmen Tatschmurat
Vier Türme (2025)
200 Seiten : Illustrationen
fest geb.
Auszeichnung: Religiöses Buch des Monats