Religiöses Buch des Monats

August

Das Buch für alle, die mit Kindern über Gott sprechen wollen, aber nicht wissen, wie

Wir haben etwas verloren. Die Selbstverständlichkeit, mit der Glaube gelebt und von einer zur nächsten Generation weitergegeben wurde, ist einer großen Unsicherheit gewichen. Sollen wir unser Kind taufen lassen? Was überhaupt erzählen wir unseren Das Buch für alle, die mit Kindern über Gott sprechen wollen, aber nicht wissen, wie Kindern von Gott? Und gleichzeitig stellen Kinder die großen Fragen: Wo war ich, bevor ich geboren wurde? Wo ist die Oma jetzt, nachdem sie gestorben ist? Für diese Gemengelage hat Regina Laudage-Kleeberg dieses Buch geschrieben. Sie behandelt Themen wie „Wer oder was ist denn nun Gott?“, „Taufen oder nicht taufen?“, „Weihnachtsmann oder Christkind“, Rituale, Segnen, Vertragen, Tod und Gewalt. Jedes dieser Kapitel endet mit einer kurzen Zusammenfassung. Ihre Gedanken dazu sind von einer großen Weite; die Lesenden profitieren hier vom distanzierten Blick der Religionswissenschaftlerin, für die Religionen „Sinnsysteme“ sind, verbunden mit ihren Erfahrungen als Mutter von drei Kindern und als Katholikin. In vielen Kapiteln wird deutlich, dass Glaube nicht etwas ist, was noch obendrauf kommt auf all die Anforderungen, die wir im Alltag bewältigen müssen. Eine kleine Änderung der Perspektive genügt oft, um die religiöse Dimension zu entdecken, beim Vertragen, beim gemeinsamen Essen, wenn wir Gutes über andere sagen. Der dahinterstehenden Haltung „Gott in allen Dingen suchen und finden“ widmet Laudage-Kleeberg einen eigenen Abschnitt – und öffnet diese Haltung, die auf Ignatius von Loyola zurückgeht, auch für Menschen, die Gott eher skeptisch gegenüberstehen: „Selbst wenn du Gott als Größe für dich in deinem Leben nicht fassen oder spüren kannst, glaube ich sehr daran, dass die Kraft, das Über-uns-Hinausgehende, die für mich mit Gott verbunden ist, auch für dich eine Logik entfalten könnte.“ Für die Autorin kommt es darauf an, „dass wir uns als Menschen in einen größeren Kontext einfügen dürfen, in etwas, das weit über Individualität, über Gemeinschaft und Gesellschaft hinausgeht.“ Bei dieser allgemein gehaltenen Einordnung lässt sie es aber nicht bewenden. Ihre Kinder hätten ihr gezeigt, schreibt sie, dass sich Gott mitten in ihrem chaotischen, unaufgeräumten Familienleben finden lässt. „Es ist für mich, als ob Gott den Familienalltag durchwebt wie ein goldener Faden, der im Licht plötzlich aufleuchtet und dir ein Lächeln ins Gesicht treibt, der aber die meiste Zeit, wenn gerade kein Sonnenstrahl drauffällt, unauffällig bleibt.“ Das Buch ist kein Ratgeber, bietet also keine Rezepte, wie Gott sich in den Familienalltag einbinden lässt. Es leistet viel mehr: Die Autorin hilft den Lesenden einen (neuen) Bezug zu Gott und Religion zu finden und zu entdecken, wie und wo sie Gott zur Sprache bringen können. Diese Offenheit macht das Buch so lesenswert. (Religiöses Buch des Monats August)

Das Buch für alle, die mit Kindern über Gott sprechen wollen, aber nicht wissen, wie

Das Buch für alle, die mit Kindern über Gott sprechen wollen, aber nicht wissen, wie

Regina Laudage-Kleeberg
Kösel (2026)

207 Seiten
kt.

MedienNr.: 624468
ISBN 978-3-466-37360-4
9783466373604
ca. 20,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: Pä
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Auszeichnung: Religiöses Buch des Monats


Juli

Geh, dein Glaube hat dir geholfen

Die Bedeutung von Religion in unserer Gesellschaft nimmt immer weiter ab, massive Kirchenaustrittszahlen und innerkirchliche Richtungsstreitigkeiten scheinen eine düstere Zukunft vorzuzeichnen. Aber ist wirklich alles so schlecht und der Glaube so Geh, dein Glaube hat dir geholfen kraftlos? Der evangelische Theologe und Autor Georg Schwikart hat sich nach einer „Jammerpredigt“ eines Kollegen an ein Wort erinnert, das Jesus in den Evangelien verschiedenen Menschen zuspricht: „Geh, dein Glaube hat dir geholfen!“ Und er hat dieses Jesuswort zum Ausgangspunkt genommen, einige Dutzend ihm bekannter Menschen genau dies zu fragen: Wie hat dein Glaube dir in deinem Leben geholfen? Was gibt dir Kraft auch in schwierigen Zeiten, was gibt dir das Vertrauen, in allen Lebenslagen gehalten und getragen zu sein? Die Antworten sind in diesem Buch versammelt: 59 Frauen und Männer verschiedenen Alters und verschiedener christlicher Konfessionen, etwa die Hälfte davon Theologen und Seelsorger, aber auch Menschen mit ganz unterschiedlichen zivilen Berufen schreiben über ihren Glauben, jede und jeder in seinem ganz persönlichen Stil und aufgrund seiner individuellen Erfahrungen. Denn es geht ja bei diesen Fragen ausdrücklich um persönliche Glaubenserfahrungen, also eher darum, wie und wodurch und weshalb man glaubt, nicht um dogmatische Glaubensinhalte. Und es sind auch keine rein theoretischen Erwägungen über das Wesen und die Kraft des Glaubens, vielmehr in der Lebenspraxis – auch durch teils lange Phasen des Suchens und Zweifelns hindurch – gewonnene und bewährte Einsichten. Darunter gibt es durchaus Erfahrungen, die mehrfach wiederkehren: die Stille und das Staunen über die Schöpfung in der Natur; Dankbarkeit für ein im Rückblick insgesamt als gelungen empfundenes Leben; eine überstandene schwere Krankheit; Sinnerfahrung im eigenen helfenden Handeln; die Unterstützung durch Freunde und Familie, Gemeinschaftserfahrung überhaupt; Schönheitserfahrungen in Kunst und Musik; das Gebet als Möglichkeit, mit Gott ins Gespräch zu kommen; der Glaube an ein Leben nach dem Tod – all das wird von vielen Menschen als Kraftquelle in den Wechselfällen des Lebens erfahren. Ebenso interessant sind die eher individuellen Erlebnisse – wenn etwa eine über 80-jährige Autorin eine konkrete Naturerfahrung als Metapher für das eigene (Glaubens-)Leben sehen kann: „Ein Apfelbaum in meinem Garten, der jahrelang ohne Früchte blieb, trägt wieder.“ Und ebenso beeindruckend wie berührend die Formulierung, mit der eine junge Maschinenbauingenieurin ihre Motivation für den christlichen Glauben beschreibt: „Gott wurde Mensch in Jesus, damit er mit uns leiden kann. … Dieser Gott ist für mich vollkommen glaubwürdig. Er verdient meinen Glauben und meine Liebe.“ Es sind kurze Texte, die ohne große Umschweife sofort zum Punkt kommen, den meisten Autoren reichen zwei Seiten. Insgesamt aber gelingt diesem bunt schillernden Kaleidoskop von Glaubenserfahrungen eine mehrfache Ermutigung, weil sie zeigen: dass es nach wie vor eine große Gemeinschaft von Glaubenden gibt, dass die Glaubenswege dennoch recht unterschiedlich sein können und dürfen (und nicht immer nur gerade verlaufen) – und dass es sich lohnt, sich selbst über die eigene Glaubenserfahrung Gedanken zu machen. Und so ist es nur logisch, dass das Buch mit einer entsprechenden Aufforderung endet … (Religiöses Buch des Monats Juli)

Susanne Holzapfel

Susanne Holzapfel

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Geh, dein Glaube hat dir geholfen

Geh, dein Glaube hat dir geholfen

Georg Schwikart (Hg.)
Verlag Neue Stadt (2026)

142 Seiten
kt.

MedienNr.: 625493
ISBN 978-3-7346-1378-4
9783734613784
ca. 16,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: Re
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Auszeichnung: Religiöses Buch des Monats


Juni

Eltern beten mit und für ihre Kinder

Beten ist in unserem von naturwissenschaftlichem Denken bestimmten Umfeld keine ganz einfache Sache. Was, wenn es doch nicht mehr als ein veredeltes Selbstgespräch ist? Die Theologin Judith Vonderau stellt deshalb das kindliche Urvertrauen, im Gebet Eltern beten mit und für ihre Kinder mit Gott in Kontakt treten zu können, in den Mittelpunkt ihres Buchs. „Kind sein, werden und bleiben vor Gott“, bezeichnet sie als „eine Haltung für das ganze Leben“. Statt sich lange mit Erklärungen aufzuhalten, fasst sie diese Grundhaltung in Gebete: „Vor dir darf ich werden, was Jesus meinte, / als er sagte: ‚wie die Kinder‘, / um den Himmel zu erben. / Kind sein, ich sein, vor dir.“ Für den ersten Teil hat sie Gebete geschrieben, die Erwachsene für Kinder – eigene oder Enkel oder in welchem Verhältnis auch immer – sprechen können. Viele der Gebete sind für Situationen gedacht, in denen das Leben gut ist. Da im Leben aber nicht alles glatt läuft, widmet sich ein eigenes Kapitel den Brüchen. Manchmal, schreibt die Autorin, werde am Ende doch Gutes daraus. Doch kommt es eben auch vor, dass ein solcher Strich durch die Lebensplanung zum Kreuz werde. „Hier kommt uns das ‚Dein Wille geschehe‘ aus dem Vater unser vielleicht nicht mehr über die Lippen.“ Dann, so die Autorin, dürfe man darauf vertrauen, dass gilt, was Gott Josua, dem Nachfolger von Mose, zugesagt hat: Der „Herr, dein Gott, ist mit dir überall, wo du unterwegs bist“ (Josua 1,9). Und weil das in so einer Situation vielleicht nicht ganz einfach ist, fasst sie diese Zusage noch mal in ein hoffnungsvolles Gebet: „du bleibst / wenn nichts mehr steht und alles fällt / wenn die Welt nicht mehr in den Angeln hängt / wenn unter meinen Füßen kein Boden mehr ist / wenn mich sonst keiner hält / du bleibst“. Der zweite Teil des Buches ist Kindern gewidmet und enthält zuerst eine kurze, kindgerechte Einführung ins Gebet, von der Erwachsene und Kinder gleichermaßen profitieren können. Sie vermittelt: Gott kann ich alles sagen – immer. Und zum Beten muss man auch nicht stillsitzen. Daran schließen sich Gebete an zu verschiedenen Anlässen (für den Morgen und den Abend, Dankgebete, Tischgebete, zur Versöhnung, bei Krankheit und Sorgen), die Kinder gemeinsam mit Eltern (oder anderen Erwachsenen) beten können, ältere Kinder vielleicht auch allein. Wohltuend ist hier wie im ganzen Buch, dass auch die Schwierigkeiten, in die die Gottesbeziehung geraten kann, nicht ausgespart werden: „Es fühlt sich dann so an, als wärst du gar nicht da. / Lass mich immer daran denken, dass du bei mir bist, auch wenn es sich gerade nicht so anfühlt.“ Außer den Gebeten, die Vonderau für die Lebenswelt von Erwachsenen und Kindern formuliert hat, stellt sie auch die wichtigsten Gebete der Kirche vor, allen voran das „Vater unser“, außerdem u.a. das Glaubensbekenntnis, Psalm 23 und das „Gegrüßet seist du Maria“. Dieses Gebetbuch kann dazu beitragen, Kinder in eine vertrauensvolle Beziehung zu Gott hineinwachsen zu lassen und sei deshalb Familien ans Herz gelegt, z. B. als Geschenk zur Taufe oder zur Erstkommunion. (Religiöses Buch des Monats Juni)

Eltern beten mit und für ihre Kinder

Eltern beten mit und für ihre Kinder

Judith Vonderau
camino. (2026)

144 Seiten : Illustrationen
fest geb.

MedienNr.: 755588
ISBN 978-3-96157-218-2
9783961572182
ca. 20,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: Re
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Auszeichnung: Religiöses Buch des Monats


Mai

Die ignorierten Frauen der Bibel

Das Frauenbild der Bibel ist weitaus vielfältiger, als die katholische Leseordnung glauben macht. Das zeigt Annette Jantzen in ihrem Buch mit einer Fülle von Belegen, die sie aus dem Vergleich der Texte der Leseordnung mit ihren biblischen Herkunftstexten Die ignorierten Frauen der Bibel gewonnen hat. Fazit der Lektüre: Kürzungen sind bei der Aufteilung der biblischen Texte in zwei Werktags- und drei Sonntagslesejahre zwar unumgänglich, weil sie in gottesdiensttaugliche Häppchen zugeschnitten werden müssen, biblische Erzählbögen werden dabei aber bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Das ist an sich schon fragwürdig, aber in Bezug auf Frauen werden systematisch deren Selbständigkeit und Widerständigkeit heruntergespielt oder gar unsichtbar gemacht. Dazu zwei Beispiele: Das Buch Rut im ersten Testament erzählt die Geschichte von Noomi und ihrer Schwiegertochter Rut, beide Witwen, und wie es ihnen gelingt, kreativ und selbstbestimmt einen Ausweg aus dieser für sie bedrohlichen Situation zu finden. Der dritte im Bunde ist ein Mann, Boas, ein Verwandter, der sich darauf einlässt und dafür sorgt, dass die beiden Frauen dadurch im Rahmen der patriarchal geprägten Rechtsordnung versorgt und geschützt sind. Davon bleibt in der Leseordnung kaum etwas übrig. Sie „minimiert die Handlungen, Worte und Beziehungen der Frauen und macht Boas zum Haupthandelnden.“ Aus einem starken Buch, so Jantzen, das die altorientalische Lebenswirklichkeit aus dem Blickwinkel von Frauen zeigt, wird „ein dürrer Kurzvortrag, in dem es lediglich auf einen Stammhalter ankommt“, nämlich auf Obed, den Großvater Davids. Abgesehen davon wird damit auch unsichtbar, dass es sich um eine queere Familie handelt, denn der biblische Text betont, dass Rut Naomi ein Kind geboren hat – und nicht Boas (Rut 4,16). Das zweite Beispiel ist die Grußliste am Schluss des Römerbriefs. Paulus lässt hier etliche Personen in Rom grüßen – an erster Stelle Phöbe, die er als „Schwester“ bezeichnet und die „Beistand“ gewesen sei für viele, auch für ihn selbst. Der Lesungstext setzt allerdings erst nach der Erwähnung Phöbes ein und lässt darüber hinaus weitere Frauen aus. Nun könnte man fragen, warum das so wichtig ist, dass Phöbe erwähnt wird. Oder dass in den Evangelien an Ostern deutlicher wird, dass die ersten Zeugen der Auferstehung Frauen waren. Oder dass es einen schlechten Beigeschmack hat, Maria aus Magdala nur als Apostelin der Apostel zu bezeichnen, ihr Apostolat also im Unterschied zu dem der Männer darauf zu begrenzen, dass sie ihnen von der Begegnung mit Jesus im Garten berichtet. Und danach hat sie geschwiegen? Jantzen weist darauf hin, dass als Akteure fast nur Männer übrigbleiben. „Repräsentanz ist wichtig. Sie prägt die Wahrnehmung.“ Das kann man sehr frustrierend finden. Doch im Gespräch betonte Annette Jantzen, dass ihr das Schreiben des Buches „Freude“ gemacht habe. Die Lektüre macht auch Freude, denn über die detaillierte Auflistung der Frauen hinaus, die in der katholischen Leseordnung ausgelassen oder deren Rolle zurechtgestutzt wird, erschließt Jantzen einen spirituellen Schatz: die weibliche Seite der Geschichte Gottes mit den Menschen. (Religiöses Buch des Monats Mai)

Die ignorierten Frauen der Bibel

Die ignorierten Frauen der Bibel

Annette Jantzen
Herder (2026)

300 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 625072
ISBN 978-3-451-02546-4
9783451025464
ca. 24,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: Re
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Auszeichnung: Religiöses Buch des Monats


April

Auf den Spuren von Jesus Christus

Wenn Cay Rademacher Nazareth beschreibt, den Ort, wo Jesus aufgewachsen ist, wird man mitten in dieses Dorf- und Familienleben hinein entführt. Überhaupt sind die plastischen Beschreibungen Rademachers von Orten, Personen und Zeiten dazu geeignet, Auf den Spuren von Jesus Christus Lesende in die damalige Welt hineinzuziehen. Doch Rademacher beginnt seine Biografie nicht chronologisch – also mit der Geburt oder der Familiengeschichte Jesu - sondern dramatisch: "Pontius Pilatus will kein Risiko eingehen. Die Lage in Jerusalem ist angespannt." Diese Dramatik zieht sich durch und wechselt ab mit wissenschaftlichen Zugangsversuchen unterschiedlicher Disziplinen – von der Physik über die Archäologie, die Bibelwissenschaft und Geschichte und was sonst noch helfen kann, den "geheimnisvollen Mann aus Galiläa" näher zu beleuchten. Wer etwa wissen will, in welcher Jahreszeit Jesus tatsächlich geboren ist, wie kurz und nüchtern die Kreuzigung abgehalten wurde, was überhaupt erst zu Jesu Verhaftung führte und vieles mehr, kommt auf seine Kosten. Neue theologische Erkenntnisse werden hier nicht vorgestellt, aber das ist auch nicht der Anspruch des Buches. Schließlich führt Rademacher Lesende zu dem Phänomen der Auferstehung hin und bespricht diesbezüglich einige Anfragen, aber auch Plausibilitäten. Die besondere Perspektive dieses Buches zielt auf den Kontext, in dem sich die Jesusgeschichte zugetragen hat – zeitlich, örtlich und kulturell. Rom wird als Stadt ohne Religion beschrieben. Und das, obwohl überall im Reich Tempel für die verschiedenen römischen Götter errichtet werden. Aber all das ist nur Fassade bzw. politisch motiviert. In der konkreten Beschreibung der Lebensverhältnisse im römischen Reich spart Rademacher nicht einmal an der Beschreibung der Latrinen und deren Eintrittsgebühren. Und Nazareth wird als Weiler von Bauern und Handwerkern abseits des Geschehens der Zeit und der Handelswege, etwa der zehn Kilometer entfernten Via Maris, beschrieben. Staubige Wege, nicht eine Straße oder ein Platz sind in Nazareth gepflastert. Jesus selbst lebt und arbeitet dort als Baumeister, als „tekton“. Und genau dadurch werden die Menschen dieser Zeit und vor allem auch Jesus selbst nahbar – man kann sich an ihm reiben, sich an ihm stoßen, ihm als Mensch unter Menschen nahekommen. Teilweise liest sich das Buch auch wie ein Politkrimi und zwar dann, wenn die auch aus der Bibel bekannten Figuren wie Pontius Pilatus, Herodes und Kaiphas auftreten. Die im Evangelium beschriebene Tempelreinigung wird als Dreh- und Angelpunkt der Geschehnisse um Jesus in Jerusalem identifiziert. Hier wird die Macht des Hohepriesters angegriffen: „Ohne Händler keine Opfer. Ohne Opfer kein Kult“. Ohne diese Tempelreinigung wäre die Lehre Jesu, so radikal sie war, dem Vergessen anheimgefallen, mutmaßt Rademacher. Rademacher selbst hält fest: „Das Wort und die Welt Jesu: Es ist die Beschreibung einer ungewöhnlichen Zeit, eines außerordentlichen Lebens, einer ebenso tröstlichen wie beunruhigenden Lehre.“ Die Spannung des Buches rührt auch daher, dass sich aus dem Buch auch etwas völlig anders herauslesen lässt: Eine gewöhnliche Zeit wie viele andere Zeiten auch, ein gewöhnliches Leben mit einigen Skurrilitäten und einer dramatischen Wendung, einer tröstlichen Lehre nur für die Armen und Aussätzigen, immerhin beunruhigend für alle. Das Buch ist für alle interessant, die sich in packende Geschichte aus römischer Zeit hineinziehen lassen, immer wieder einmal zurücktreten und beobachten wollen und sich am Schluss mit der Frage konfrontiert sehen: glaube ich das? So kann das Buch sowohl als Grundlage für spannungsreiche Gespräche als auch als Handbuch für Betrachtungen des Lebens Jesu im Exerzitienformat dienen. (Religiöses Buch des Monats April)

Guido Schröer

Guido Schröer

rezensiert für den Borromäusverein.

Auf den Spuren von Jesus Christus

Auf den Spuren von Jesus Christus

Cay Rademacher
Ellert & Richter Verlag (2025)

208 Seiten : Illustrationen (überwiegend farbig), Karten
fest geb.

MedienNr.: 623027
ISBN 978-3-8319-0892-9
9783831908929
ca. 19,95 € Preis ohne Gewähr
Systematik: Re
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Auszeichnung: Religiöses Buch des Monats


März

Der Herr hält unsere Hand

Papst Benedikt XVI. hat nicht nur bei öffentlichen Gottesdiensten gepredigt, sondern auch in privaten sonntäglichen Messen mit seinen engsten Mitarbeitern. Für diese Predigten im kleinen Kreis stützte sich Benedikt nur auf Notizen, die mündlich Der Herr hält unsere Hand vorgetragenen Predigten wurden aber in Audioaufzeichnungen festgehalten und nachträglich transkribiert. Nach seinem Tod wurden diese Predigten zur Veröffentlichung vorbereitet und 2025 in italienischer Sprache – in der sie von Papst Benedikt auch gehalten wurden – veröffentlicht. Ins Deutsche übersetzt ist unter dem Titel „Der Herr hält unsere Hand“ nun ein erster von zwei Teilbänden erschienen, der Predigten zur Fasten- und Osterzeit (bis zum Dreifaltigkeitssonntag) enthält. Die Predigten stammen aus den Jahren 2005 bis 2017, die meisten jedoch aus den Jahren 2013 bis 2017 – nach Benedikts Rücktritt aus dem Papstamt waren Messen im privaten Kreis natürlich nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel. Die letzte Predigt hielt Papst Benedikt kurz vor seinem 90. Geburtstag. In seinen Predigten hat Papst Benedikt stets Theologie mit Spiritualität verknüpft, seine Homilien sind kenntnisreiche Schriftauslegungen, aber nicht aus distanzierter wissenschaftlicher Sicht, sondern aus einer gläubigen Perspektive, die bereit ist, sich selbst betreffen zu lassen. So vermischen sich auch immer wieder Predigt und Gebet, die Betrachtungen führen gewissermaßen von selbst zum Beten. Sehr oft bringen die Predigten von Papst Benedikt auch die Texte des Alten Testaments und des Evangeliums in einen engen Zusammenhang. Und zusammen mit dem Prediger werden auch die Leserinnen und Leser in den bekannten Schrifttexten immer wieder neue Entdeckungen machen können. So ist dieser Band für alle, die in geistlicher Schriftauslegung Erbauung finden, ein ebenso unerwartetes wie schönes Geschenk, das bereits die Vorfreude auf den zweiten Teilband weckt. (Religiöses Buch des Monats März)

Der Herr hält unsere Hand

Der Herr hält unsere Hand

Benedikt XVI. ; aus dem Italienischen von Silvia Kritzenberger
Herder (2026)

268 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 755595
ISBN 978-3-451-03667-5
9783451036675
ca. 28,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: Re
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Auszeichnung: Religiöses Buch des Monats


Februar

Liebe - notwendiger denn je!

Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch am größten unter ihnen ist die Liebe“ schreibt Paulus im ersten Brief an die Korinther. Nach je einem Band zu den Themen Glaube („Die Schießler-Bibel“) und Hoffnung („Hoffnung Liebe - notwendiger denn je! – gerade jetzt!“) legt der populäre und unkonventionelle Münchener Pfarrer nun als Komplettierung der Trilogie einen Band zur Liebe vor. Alle drei Bücher sind aber völlig unabhängig voneinander lesbar. Die Einteilung dieses dritten Bandes folgt im weitesten Sinn den fünf „Sprachen der Liebe“ nach Gary Chapman: Gemeinsam Zeit verbringen; körperliche Zuwendung; Hilfsbereitschaft; Lob und Anerkennung; Geschenke, die von Herzen kommen. Schießler findet alle diese Sprachen der Liebe bei Jesus, der durch sein Leben die Liebe Gottes bezeugt und verwirklicht hat und zugleich Vorbild und Kraftquelle für eigenes liebevolles Handeln sein kann. Dabei geht es weniger um die Liebe als Gefühl, sondern eher um eine bewusste Haltung. Wie in den beiden anderen Bänden folgen auf jeweils einen (hier mit wenigen Ausnahmen neutestamentlichen) Bibeltext Gedanken und Auslegungen, die die biblischen Textaussagen für heutige Menschen verständlich machen. Dabei findet der Autor oft einprägsame sprachliche Bilder, etwa wenn er schreibt: "Kirchliche Schönheit liegt in der Farbigkeit ihrer Gemeinden … Mit diesen Gemeinden ließe sich ein wunderschöner Regenbogen an den Himmel zaubern, der die Menschen – Gläubige wie Nichtgläubige – durch seine Botschaft von Freude und Frieden verzaubern könnte" (S.33). Die harte Realität und die Zumutungen des Glaubens und der Liebe spart er dabei keineswegs aus. "Christlich zu leben, bedeutet darum nicht, sich aus der bösen Welt zurückzuziehen …" (S. 257). Und auch mit kritischen Worte gegenüber seiner Kirche spart er nicht. Doch er nimmt zugleich jeden Einzelnen in die Pflicht, mit Kirchenkritik nicht mangelndes eigenes Engagement für ein lebendiges und glaubwürdiges Gemeindeleben zu rechtfertigen. Seine Vision von Kirche ist eine ur-biblische: eine gemeinschaftlich getragene Kirche im Dienst an den Menschen; eine für alle offene, einladende Kirche, die die Menschen mit ihren Sorgen und Nöten, mit ihrer Lebensrealität, ernst nimmt, begleitet und stützt; und eine Kirche, die gesellschaftlich Stellung bezieht. Denn die Bibel, das vermittelt Schießler in seinen Texten, kann auch in unserer Zeit wichtige Impulse für ein gutes gesellschaftliches Miteinander geben – und diese sind gerade heute vielleicht "notwendiger denn je". – So eignet sich das Buch für alle Interessierten, seien sie aktive oder passive Kirchenmitglieder oder auch eher kirchenfern. Es ist eine Fundgrube für neue Blickwinkel auf die ausgewählten biblischen Überlieferungen. (Religiöses Buch des Monats Februar)

Monika Graf

Monika Graf

rezensiert für den Borromäusverein.

Liebe - notwendiger denn je!

Liebe - notwendiger denn je!

Rainer Maria Schießler
Kösel (2025)

268 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 623394
ISBN 978-3-466-37345-1
9783466373451
ca. 24,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: Re
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Auszeichnung: Religiöses Buch des Monats

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"Liebe - notwendiger denn je!" von Rainer Maria Schießler (mk-online.de/Youtube)

Januar 2026

Den Goldgrund in allem finden

Der Jahreswechsel löst bei den meisten Menschen gemischte Gefühle aus: Einerseits hofft man, dass vieles besser werden möge, andererseits fürchtet man sich auch vor dem, was da noch im Dunklen vor uns liegt, gerade wenn schon die gegenwärtigen Den Goldgrund in allem finden Zeiten alles andere als leuchtend sein mögen. Die Benediktinerin Carmen Tatschmurat möchte mit ihrem neuen Jahresbegleiter „Den Goldgrund in allem finden“ den Leserinnen und Lesern Impulse an die Hand geben, gerade auch in dem, was dunkel erscheint, dennoch Spuren einer helleren Wirklichkeit zu entdecken – so wie bei Ikonen in der byzantinischen Kunst der goldene Hintergrund auch dann immer wieder durchscheint und sichtbar wird, wenn die Ikone durch Kerzenruß und Weihrauch schon stark verdunkelt ist. Der Jahresbegleiter ist zwar nicht streng chronologisch aufgebaut, aber doch dem Jahreslauf folgend geordnet, einerseits nach den drei großen christlichen Festkreisen Advent/Weihnachten, Ostern und Pfingsten. Den Alltagen im Jahreskreis sind dann thematisch gruppierte Betrachtungen zugeordnet unter den Überschriften „Anfangen“, „Herausforderungen des Alltags“, „Wo wir leben“, „Im Gespräch mit Gott“, „Segnen – Frieden stiften“. So wollen insgesamt 52 kurze Betrachtungen für alle Wochen des Jahres, zwei bis maximal vier Seiten lang, entsprechende Hinweise geben auf „Goldspuren, durch die eine andere Wirklichkeit durchschimmert“, es sind Überlegungen, Assoziationen und Bilder, die sich aus erlebten Alltagserfahrungen der Autorin ergeben haben, aus bestimmten Begegnungen oder aus einem gelesenen Text oder Gedicht. Überraschend ist es beispielsweise, wenn die Autorin unter dem Stichwort „Ambivalenzen“ darauf hinweist, dass Jesus erst NACH seiner Taufe im Jordan in der Wüste vom Satan versucht wurde – ein klares Zeichen dafür, dass mit der bewussten Entscheidung für ein Leben mit Gott die Anfechtungen keineswegs aufhören. Endgültige Lösungen werden wir auf dieser Welt nicht finden, wir müssen vielmehr versuchen, gerade in all dem Ambivalenten die richtige Haltung und den Seelenfrieden zu finden. Beim Nachdenken über „heilige Räume“ stellt Schwester Carmen zunächst fest, wie uns bestimmte, eigens zu diesem Zweck gestaltete Orte durchaus dabei helfen können, zur Ruhe zu kommen, die Welt für eine gewisse Zeit hinter uns zu lassen, andererseits hebt sie hervor, dass sich im Grunde jeder Ort als heiliger Ort erweisen kann – dann, wenn wir für Gottes Gegenwart offenbleiben und ihn auch an ganz unerwarteten Orten entdecken. Ein Blick auf die vielen Wallfahrtsorte mit unzähligen erhörten Bitten lässt die Autorin die Fragen stellen: „Hilft beten? Hilft mehr zu beten besser?“ Einerseits werden wir in der Heiligen Schrift tatsächlich immer wieder von Jesus aufgefordert zu bitten. Trotzdem darf man Beten nicht eins zu eins gleichsetzen mit Bitten. „Beten bedeutet in erster Linie, im Gespräch mit Gott zu bleiben.“ Wenn wir im Gespräch mit Gott unsere Bitten näher anschauen, „kann [es] auch geschehen, dass das Gebet zwar gehört, dass uns aber ein ganz anderer, ein besserer Weg gezeigt wird.“ Die Autorin will mit ihren Betrachtungen keineswegs unwiderlegbare Erkenntnisse oder revolutionäre Neuansätze vermitteln, doch ihre kleinen Impulse, die feinen Alltagsbeobachtungen entspringen, gehen immer in die Tiefe, vermitteln gewinnbringende Inhalte und überzeugen durch ihre bedachtsamen Formulierungen, die ein weiteres Nachdenken ermöglichen – und dafür eine fruchtbare Richtung aufzeigen. Sich jede Woche einen Abschnitt dieses Jahresbegleiters vorzunehmen, ist gewiss ein lohnender Vorsatz für das neue Jahr! (Religiöses Buch des Monats Januar)

Den Goldgrund in allem finden

Den Goldgrund in allem finden

Carmen Tatschmurat
Vier Türme (2025)

200 Seiten : Illustrationen
fest geb.

MedienNr.: 623712
ISBN 978-3-7365-0681-7
9783736506817
ca. 24,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: Re
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Auszeichnung: Religiöses Buch des Monats

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"Den Goldgrund in allem finden" von Carmen Tatschmurat (mk-online.de/Youtube)