Wie leben?
Lebensratgeber gehören auf dem Buchmarkt zu den Top- und Longsellern. Das ist einerseits wenig erstaunlich, ist doch die Frage, wie man sein Leben führen soll, ebenso schwer zu beantworten wie unausweichlich, andererseits ist es doch auch etwas verwunderlich,
dass sich so viele Autoren berufen fühlen, anderen Menschen kluge Ratschläge für ein gutes Leben geben zu können. Umso überzeugender wirkt der Ansatz, den der österreichische Theologe und Philosoph Clemens Sedmak wählt, der seinem neuen Buch den Untertitel gibt: „Von Jesus lernen“. Christinnen und Christen jedenfalls glauben, dass in Jesus von Nazareth Gott selbst Mensch geworden ist – von wem könnte man dann besser lernen, was ein gutes menschliches Leben ausmacht? In diesem Sinn versteht sich Sedmaks Buch tatsächlich als eine Art Lebensratgeber, als „eine Einladung, das Leben Jesu ernsthaft anzuschauen in der Absicht, für das eigene gute Leben zu lernen“. Freilich räumt der Autor gleich zu Beginn ein, dass Jesus ein sehr besonderes Leben geführt hat, dass er vor 2000 Jahren unter für uns heute eher fremden Umständen gelebt hat, und dass sein Leben vor allem auch ein schweres Leben gewesen ist. „Jesu Leben schenkt dennoch Anhaltspunkte für tiefes Leben, das wir uns auf je persönliche Weise zu eigen machen können“, ist Sedmak überzeugt. Die Nachfolge, zu der Jesus seine Jüngerinnen und Jünger selbst aufgerufen hat, bedeutet auch nicht einfach Nachahmung, vielmehr Übertragung der Botschaft des Evangeliums in je unsere Zeit und Lebensumstände. Allerdings muss man eingestehen: Im Unterschied zu herkömmlichen Ratgeberbüchern für ein „gutes Leben“ zeigt Jesu Leben nicht, wie man möglichst leicht durchs Leben kommt oder wie man besonders viel aus dem eigenen Leben herausholen kann. Jesus führte ein Leben, das ausschließlich den Willen Gottes verwirklichen wollte, und das ist ohne Zweifel ein sehr anspruchsvolles Leben, aber es lässt eben auch erkennen, was am Ende ein gelingendes Leben ausmacht. Sedmak betrachtet in 40 Abschnitten das Leben Jesu, wie es in den vier Evangelien geschildert wird, und nimmt diese Schriftstellen aus verschiedenen Perspektiven in den Blick – oft mit neuen, überraschenden Akzentuierungen. Vier Kapitel mit je zehn Betrachtungen orientieren sich dabei am Grundgerüst von vier Fragen, zunächst: „Wie lebt Jesus sein Leben?“ Dabei fällt dem Autor beispielsweise auf, dass Jesus ein besonderes Verhältnis zur Zeit hat: Jesus hält einerseits nicht starr an seinen Plänen fest, nimmt sich spontan Zeit, wo es ihm wichtig ist; auf der anderen Seite denkt er aber gerade nicht, über die Zeit frei verfügen zu können – voll Demut und Geduld wartet er vielmehr in den entscheidenden Fragen auf die rechte Zeit, bis „seine Stunde gekommen“ ist. Im zweiten Kapitel „Wie sieht Jesus die Welt?“ zeigen viele Schriftstellen dasselbe: ganz vom Willen Gottes her. Der Wille Gottes darf aber nicht vorschnell mit Erfolg oder Gelingen in der Welt verwechselt werden; auch wenn man Gottes Macht alles zutraut, zeigt gerade das Leben Jesu, dass man oft Leid auf sich nehmen und auf das Eingreifen Gottes verzichten muss, um dessen Willen zu ehren – und nicht den eigenen. Das dritte Kapitel steht unter der Überschrift „Welche Fragen stellt Jesus?“, das vierte Kapitel stellt schließlich die Frage: „Wozu fordert Jesus auf?“ Einerseits immer wieder: „Kehrt um!“ Aber ebenso häufig auch: „Fürchtet euch nicht!“ Und beim letzten Abendmahl gibt Jesus dann tatsächlich ein „neues Gebot“, das anders ist als alle bisherigen, weil es von einer Person allein gar nicht erfüllt werden kann und insofern eine ganz neue Art von Gemeinschaft stiftet: „Liebt einander!“ Jede der 40 interessanten Betrachtungen endet mit einer Frage an den Lesenden, als Impuls das eigene Leben zu überdenken und neu auf Gott hin auszurichten. So wird der Band zu einer äußerst anregenden geistlichen Lektüre, welcher der lebenspraktische Bezug schon von der Grundidee her eingeschrieben ist. (Religiöses Buch des Monats Dezember)
Thomas Steinherr
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Wie leben?
Clemens Sedmak
Tyrolia-Verlag (2025)
199 Seiten
fest geb.
Auszeichnung: Religiöses Buch des Monats
Die Entdeckung der Ewigkeit
„Longevity“ und „Anti-Aging“ gehören aktuell zu den Mega-Trends in unserer Gesellschaft – kein Wunder, ist doch die bevölkerungsstärkste Generation der Baby-Boomer nun im Rentenalter oder kurz davor. Wenn der Horizont des eigenen Lebens
näherrückt, liegt es nahe, dass man versucht, so langsam und so wenig wie möglich zu altern und das Maximum an erreichbarer Lebenszeit zu verwirklichen. Für den Publizisten Peter Seewald, Jahrgang 1954 und damit selbst inzwischen im Rentenalter, ist diese Haltung zwar nachvollziehbar, trotzdem bezeichnet er sie als „Irrweg“. Es ist falsch, das Alter geringzuschätzen, weil es nicht nur Verlust und Einschränkung bedeutet, sondern auch ganz neue Erfahrungen und Möglichkeiten bietet, und es ist falsch, den Tod zu verdrängen, nicht nur, weil er am Ende doch unausweichlich ist, sondern auch weil das Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit dem Leben nichts nimmt, ihm vielmehr Tiefe und Bedeutsamkeit gibt. Warum tun sich so viele Menschen heute so schwer, ihre Vergänglichkeit anzuerkennen, warum war die Corona-Pandemie ein solcher Schock, der inzwischen aber ebenso schnell wieder verdrängt wurde, wie er gekommen war? Für Peter Seewald ist klar: Es ist der Verlust des Jenseitsglaubens, der uns den Tod derartig fürchten und verdrängen lässt. Ein Blick in die Kulturgeschichte der Menschheit führt ihn zu der Schlussfolgerung: Die Sehnsucht nach Unsterblichkeit ist tief im Menschsein verankert, im Grunde ist es sogar diese Sehnsucht, die zum Ausgangspunkt all dessen wurde, was wir Zivilisation nennen. In allen Kulturen ist die Suche nach einem ewigen Leben zu finden, meist in der Entwicklung religiöser Vorstellungen, im antiken Griechenland auch in philosophischen Überlegungen zu einer Unsterblichkeit der Seele. Und die Auferstehung Jesu Christi von den Toten ist auch Ursprung und Mitte der christlichen Religion. Diese befreiende und frohe Botschaft gab vielen Generationen vor uns Trost und Hoffnung. Wer an ein ewiges Leben glaubt, für den ist Altern „keine Krankheit, sondern ein Transformationsprozess, der auf ein höheres Level führt“, und der Tod ist „nicht das Ende, sondern der Neubeginn in einer vollendeten Wirklichkeit“. Dass der Glaube an das Evangelium in unserer Zeit immer mehr schwindet, hat dann aber entsprechende Folgen für die Einstellung zu Leben und Tod. Der Verlust des Jenseits ist aber nicht nur für den Einzelnen katastrophal, sondern – davon ist Peter Seewald fest überzeugt – auch für die Gesellschaft als ganze. Die ungebremste Gier, die so viel wie nur möglich in dieser Welt zu erreichen versucht, weil sie an eine andere nicht glaubt, schafft eine immer unmenschlichere Gesellschaft und bringt unseren Planeten zunehmend an den Abgrund. Demgegenüber liegt der Hoffnung auf ein ewiges Leben „eine Haltung des Empfangens zugrunde, nicht des Nehmens und Haben-Wollens.“ Das bedeutet keineswegs die Absage an ein gesellschaftliches Engagement, im Gegenteil: Wer an ein ewiges Leben glaubt, gestaltet auch die Gegenwart schon im Hinblick auf dieses ewige Leben. Aber er muss nicht resignieren, wenn sich vieles in dieser Welt nicht realisieren lässt, denn er lebt von einer Hoffnung, die über den Tod hinausreicht. – Der 71-jährige Autor bringt ganz offen sein persönliches Erleben des Alterns und der Beschäftigung mit dem näherkommenden Tod in die Darstellung ein, das verleiht dem Ganzen Anschaulichkeit und Authentizität. Und durch den journalistischen Schreibstil ist das Buch für ein breites Lesepublikum gut zu lesen und zu verstehen. So darf man hoffen, dass sich die eine oder der andere durch dieses Buch dazu bringen lässt, über das Thema Vergänglichkeit und Tod nachzudenken und die ungeheure Kraft der christlichen Hoffnung auf ein ewiges Leben für sich (neu) zu entdecken.
Thomas Steinherr
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Die Entdeckung der Ewigkeit
Peter Seewald
Herder (2025)
239 Seiten
fest geb.
Auszeichnung: Religiöses Buch des Monats
Trägt
„Und? Was bringt mir das?“ (Hören Sie den leicht genervten Tonfall?) Eine Frage, die oft gestellt und genauso oft als oberflächlich kritisiert wird. Heiner Wilmer überrascht die Lesenden damit, dass er die Frage aufgreift und zeigt, was Christen
an spirituellen und religiösen Schätzen anzubieten haben – und was das bringt. Wilmer, der Ordensmann und Bischof von Hildesheim ist, hat das Buch während der Corona-Krise geschrieben und nun erweitert noch einmal veröffentlicht. Denn die Frage, was christliche Spiritualität bringt, stellt sich fünf Jahre später vielleicht sogar noch dringender. Wilmer erschließt über persönliche Erlebnisse, was ihn trägt und wer ihn trägt. So erzählt er z.B., warum er Schwarzen Tee mit großen Kluntjes und Sahne mit der Ewigkeit verbindet und was das mit Hoffnung zu tun hat. Er erzählt von Etty Hillesum, der niederländischen Jüdin und Mystikerin, die 1943 in Auschwitz ermordet wurde. Sie fasziniert ihn, weil sie ein tiefes Gottvertrauen entwickelte, das auch Krisen überstand, in denen Gott für sie wie verschüttet war. Sie vertraute darauf, dass Gottes Versprechen an Mose, ich werde da sein, gilt – auch als sie das Grauen von Westerbork und Auschwitz erlebte. Daran knüpft Wilmer an, wenn er schreibt: „Glaube ist Geduld mit Gott ... Die Anerkennung, dass Gott vertrauen schwer sein kann. Und die beinahe trotzige Überzeugung, dass wir schon erleben werden, dass wir getragen sind.“ Glaube brauche Geduld, Ausdauer und Übung. Von der Frage „Was trägt?“ geht Wilmer über zu „Wer trägt?“ und beantwortet diese Frage in einem unfassbar gut komponierten Kapitel über die Dreifaltigkeit aus Sohn, Vater und Heiliger Geistkraft, das ohne theologische Spekulation auskommt und trotzdem den Kern der christlichen Gottesvorstellung schildert: Vom Sohn, der deutlich macht, dass der Vater kein entfernter, sondern ein leiblicher Verwandter ist und dass seine Beziehung zu den Menschen durch den Indikativ – die Wirklichkeitsform – gekennzeichnet ist: „Ich bin und ich bin da und ich werde da sein“, wie Wilmer die Selbstvorstellung Gottes im brennenden Dornbusch übersetzt. Zugleich ist der Vater unbegreiflich, wie Wilmer in einem sehr lebendigen Streitgespräch mit alten Freunden über die Beinahe-Opferung des Isaak deutlich macht – wieder ohne theologisches Fachvokabular und dafür umso eindrucksvoller. Und das Wirken der Heiligen Geistkraft macht er nicht nur an diesem Gespräch deutlich, sondern auch an der modernen Kirche Notre Dame d'Espérance in Paris. Wenn Sie die Kirche nicht kennen, suchen Sie mal nach Bildern im Internet – und dann lesen Sie, was Wilmer darüber schreibt. Heiner Wilmer schreibt lebensnah und lebendig über das, was christliche Spiritualität bringt. Seine Texte sind gehaltvoll, mehr rheinisches Schwarzbrot, das man gründlich kauen muss, als ein Croissant. Sie regen dazu an, „ein Stück von dir in uns selbst zu retten, Gott“, wie Etty Hillesum schreibt. (Religiöses Buch des Monats Oktober 2025)
Christoph Holzapfel
rezensiert für den Borromäusverein.
Trägt
Heiner Wilmer mit Simon Biallowons
Herder (2025)
169 Seiten
kt.
Auszeichnung: Religiöses Buch des Monats
Suche Frieden und jage ihm nach
Angesichts der vielfältigen Konflikte und Krisen unserer Zeit ist die Sehnsucht nach Frieden allenthalben spürbar. In dieser Hinsicht gleicht die aktuelle Situation in erstaunlicher Weise der Epoche der Völkerwanderung in Europa, als die bestehende
Ordnung der Antike immer mehr zerbrach. Zu dieser Zeit suchte der heilige Benedikt von Nursia nach Wegen zu einem friedvollen, guten Miteinander, das er schließlich in einer Mönchsgemeinschaft zu verwirklichen suchte. Der Benediktinerabt Johannes Eckert zeigt in seinem Buch "Suche Frieden und jage ihm nach", wie Benedikts Klosterregel auch für alle anderen menschlichen Gemeinschaften genutzt werden kann als Vorbild für eine gerechte Ordnung, die ein gutes und friedliches Miteinander ermöglicht. Anhand der Lebensbeschreibung des heiligen Benedikt, die Papst Gregor der Große verfasst hat, zeigt Johannes Eckert, wie Benedikt in der Auseinandersetzung mit verschiedenen Menschen und Herausforderungen, auch eigenen Krisen, zu Wegen gefunden und diese in seiner Regel niedergeschrieben hat, die auch für uns Wegweiser zu einer Friedensordnung sein können. "Das Leben und die Regel Benedikts ermutigen dazu, bei sich, im scheinbar Kleinen anzufangen, denn genau da kann Frieden werden." Benedikts Lebensweg als Heiliger beginnt mit einer Umkehr – der junge Mann bricht die von den Eltern geplante Karriere ab, um in der Einsamkeit einer Höhle den Frieden mit sich selbst zu suchen. Als er nach einigen Jahren zu sich selbst gefunden hat, gründet Benedikt mehrere Klöster und entwickelt aus den Erfahrungen des Miteinanderlebens kluge Grundsätze, die er schließlich zu einer Ordensregel ausformuliert. Dabei hat Benedikt aber nicht nur mit Schwierigkeiten zu kämpfen, vieles scheitert sogar – zumindest auf den ersten Blick. Aber gerade dadurch zeigt sich dem Heiligen auch immer wieder, worauf es wirklich ankommt. Der Autor entwickelt aus Benedikts Lebenserfahrung heraus insgesamt 16 "Wegweiser", wie Frieden gesucht und gefunden werden kann. In einem jeweils zweiten Schritt interpretiert er diese Wege dann bewusst in der Form von Verben, als Tätigkeitswörter, weil diese "zeigen, was wir konkret tun können, damit Frieden möglich wird": standhalten, annehmen, helfen, dienen, schweigen, hören – interessanterweise wird auch das Ordensideal des Gehorsams als ein Aufeinander-Hören erklärt -, unterscheiden, lieben, mitteilen… und noch weitere, darunter übrigens auch: lesen. Mehrfach wird angesprochen, welch zentrale Rolle für den heiligen Benedikt die Tugend des Maßhaltens spielt, es gilt für ihn immer auch, die richtige Balance zu halten zwischen den Bedürfnissen des Einzelnen und den Anforderungen der Gemeinschaft, aber auch zwischen Ideal und Wirklichkeit, um den Menschen in ihrer jeweiligen Verschiedenheit gerecht zu werden. – Wer sich mit der Benediktsregel näher beschäftigt, ist immer wieder erstaunt, wie zeitlos die meisten Einsichten des großen Heiligen sind, der offensichtlich über eine wirklich außerordentliche Menschenkenntnis verfügte. Und das Buch von Abt Johannes Eckert zeigt in eindrucksvoller Weise auf, dass die Benediktsregel keineswegs nur für das Zusammenleben in einer Mönchsgemeinschaft Bedeutung hat, vielmehr sich im Wesentlichen auf jede menschliche Gemeinschaft bzw. auf die persönliche Reifung jedes Menschen anwenden lässt. So sind Benedikts Gedanken auch nach nahezu 1500 Jahren von ungebrochener Aktualität. (Religiöses Buch des Monats September)
Thomas Steinherr
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Suche Frieden und jage ihm nach
Johannes Eckert
Herder (2025)
192 Seiten
fest geb.
Auszeichnung: Religiöses Buch des Monats
Wer's glaubt, wird selig?
Für viele Menschen sind christliche Begriffe wie Sünde oder Erlösung nicht mehr verständlich. Mit Sünde verbinden sie eher die zusätzliche Kugel Eis, die sie sich gönnen, als die gestörte Beziehung zu Gott. „Der moderne Mensch steht … mit
einem großen Fragezeichen im Kopf vor der Welt des kirchlich überlieferten Glaubens“, schreibt der evangelische Theologe Christopher Zarnow. Deshalb erklärt er 24 christliche Grundbegriffe (u.a. Schöpfung, Theodizee, Auferstehung, Dreieinigkeit, ewiges Leben) so, dass ihre „konkrete Lebensrelevanz“ für von Naturwissenschaft und Technik geprägte Menschen des 21. Jahrhunderts sichtbar wird. Den Anfang machen mit Zweifel und Sehnsucht allerdings zwei Begriffe, die gerade nicht zu den Grundbegriffen gehören, die aber für die Haltung vieler Menschen gegenüber Religion stehen. Zarnow bezieht sich beim Thema Zweifel auf den evangelischen Theologen Paul Tillich, der darauf aufmerksam macht, dass nicht das Schuldbewusstsein und die Frage nach einem gnädigen Gott im Zentrum des modernen Lebens stehen, sondern Erfahrungen der Sinnlosigkeit und Leere. Daran müssten die Kirchen anknüpfen und den Menschen zeigen, dass das Christentum eine Kraftquelle dafür sein kann, sich dieser Leere zu stellen. Beim Begriff Sünde erinnert Zarnow angesichts der weitgehenden Banalisierung des Begriffs daran, dass Sünde religiös verstanden immer auf das Verhältnis von Mensch und Gott zielt. Im evangelischen Verständnis ist Sünde mangelndes Gottvertrauen, eine Haltung, in der ein Menschen mehr um sich selbst kreist, als das Leben dankbar als von Gott geschenkt zu sehen. Die Einsicht in die eigene Sündhaftigkeit kann – so Zarnow – zu einem tieferen Verständnis für die Mitmenschen führen. An dieser Stelle ist vielleicht der Hinweis sinnvoll, dass Christopher Zarnow als evangelischer Theologe natürlich aus der evangelisch-konfessionellen Perspektive schreibt und seine Referenzen auch aus dem evangelischen Bereich stammen. Für Katholiken ist die Lektüre trotzdem gewinnbringend, denn angesichts des krassen Bedeutungsverlustes des Christentums ist es auf jeden Fall hilfreich zu schauen, wie andere darauf reagieren. Außerdem sind viele Gedanken zu den christlichen Grundbegriffen, die Zarnow formuliert, konfessionsübergreifend. Das zeigt sich z.B. an seinen Gedanken zum Begriff Erlösung. Gegenüber einer auf Selbstoptimierung und -erlösung getrimmten Gesellschaft betont er, dass im religiösen Verständnis Erlösung von außen, von Gott komme. Das könne man doch als gute Nachricht sehen: Du musst das gar nicht selbst machen und können, sondern darfst auf Hilfe von außen vertrauen. Zarnow versteht es nicht nur, christliche Begriffe für unserer Gegenwart zu übersetzen, er sorgt mit zahlreichen popkulturellen Referenzen auch dafür, dass auch religiös weniger bewanderte Leser*innen einen Zugang zu diesen Begriffen finden können. (Religiöses Buch des Monats August)
Christoph Holzapfel
rezensiert für den Borromäusverein.
Wer's glaubt, wird selig?
Christopher Zarnow
Gütersloher Verlagshaus (2025)
191 Seiten
fest geb.
Auszeichnung: Religiöses Buch des Monats
Minima theologica
In den letzten Jahren ist in der Theologie eine Debatte darüber entstanden, ob den Menschen, die heute bewusst auf Religion verzichten, überhaupt etwas abgeht. Der Theologe Jan-Heiner Tück möchte mit seinem Buch "Minima theologica" darauf hinweisen,
dass diejenigen, die meinen, ohne Verlust auf Religion verzichten zu können, doch immerhin auch in ihrem Leben bestimmte grundlegende menschliche Erfahrungen machen, "Intensitätsmomente, die durchlässig sind auf das Andere", das religiöse Menschen dann eben als "das Heilige" bezeichnen würden. Solche tiefgreifenden Erlebnisse können sein: "Unverhofftes Glück, für das man danken möchte, Unterbrechungen in der wohltemperierten Existenz, die aufhorchen lassen und nachdenklich stimmen, … Einbrüche von Ohnmacht und Verzweiflung, die nach einer rettenden und erlösenden Macht fragen lassen". Und da derartige Erlebnisse seit Menschengedenken nicht nur in der Religion, sondern auch im Bereich der Kunst thematisiert werden, lassen sich bei eher religionsfremden modernen Menschen vielleicht leichter an dieser Stelle, in den Werken bildender Kunst, von Literatur und Musik Anknüpfungspunkte finden, über das Aufleuchten des Heiligen in unserer Welt nachzudenken. Jan-Heiner Tück nähert sich in seinem Buch in eben dieser Art und Weise im Nachdenken über bestimmte Kunstwerke, über moderne Literatur und Musik den "Spuren des Heiligen heute" an. Zwischendurch werden aber auch immer wieder ungewöhnliche Erfahrungen betrachtet, mitgehörte Gespräche im Zug etwa, mitgeteilte Erlebnisse, die über Zufall oder Vorsehung nachdenken lassen, oder manche Strömungen der Gegenwartstheologie hinterfragt (Handelt Gott in der Geschichte?). Niemand sollte sich durch den lateinischen Buchtitel abschrecken lassen – das Buch ist gut lesbar und bestens auch als Lesebuch zu verwenden, in dem man nach Belieben einzelne (wiederum in viele kleine Abschnitte unterteilte) Kapitel und diese auch in beliebiger Reihenfolge lesen kann. (Religiöses Buch des Monats Juli)
Thomas Steinherr
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Minima theologica
Jan-Heiner Tück
Herder (2025)
216 Seiten : Illustrationen
fest geb.
Auszeichnung: Religiöses Buch des Monats
Im Gotteshaus der Poesie
Wer nach einer Sprache sucht, um von Gott zu reden, sollte sich unbedingt auch in der Dichtung umschauen. Dazu braucht es allerdings Geduld, denn der Zugang zu einem Gedicht findet sich möglicherweise nicht so schnell wie der zu einem Roman. „Poesie
ist kein Fastfood-Essen“, schreibt die Theologin und Dichterin Lisa F. Oesterheld, „sondern will gekaut und geschmeckt werden wie Schwarzbrot … Auch wenn ein Gedicht kurz ist, entschlüsselt es sich nur schrittweise. Es birgt ein Geheimnis, das sich zeigt, wenn die Zeit dafür reif ist.“ Ihren Gedichten und Gebeten – die den Hauptteil dieses schmalen Bandes ausmachen – stellt sie eine kurze, hilfreiche Einführung voran. Worte sind für sie Türöffner zu inneren Räumen. Sie werden so zu „Augen- und Herzöffnern“, die innehalten und genau hinsehen lassen. „Poesie lehrt uns zu sehen, zu hören, zu tasten und zu schmecken.“ Zugleich zeichnet sich die Poesie durch Offenheit aus, respektiert den Zweifel, schafft Möglichkeiten. Dadurch entstehe eine eigene Form der Gottesrede, „weiter gespannt … als Behauptungen und Glaubenssätze“, wie Oesterheld schreibt. „ich legte dich fest / mit bild und begriff / nichts von dir / du bist.“ Eine weitere wichtige Wirkung von Poesie ist Trost. „Ein Wort kann zum Fenster werden, wenn der Seelenraum verdunkelt ist.“ Es ergeben sich überraschende Ausblicke, ohne Leid und Ungerechtigkeit schönzufärben. Poesie schreibe „vom Boden der Hoffnung“ aus, so Oesterheld. Manchmal gelinge es ihr, das Schwere in Worte zu fassen – und „einen Millimeter“ darüber hinauszugehen. „Unter einer Eiche im Friedwald / betten wir deine Asche in einem Gefäß, / wie wir als Kinder im Garten den Schatz vergruben.“ Oesterhelds Gedichte und Gebete, mit denen sie das im Titel angesprochene lichtdurchflutete Gotteshaus der Poesie baut, verdichten Alltagserfahrungen und erkunden deren spirituelle Bedeutung: „Drei Atemzüge / als der PC hochfährt – / mein Schreibtischgebet“. Es geht um das Zögern vor der Lektüre der Tageszeitung, um Trauer und Hoffnung, um Stille, Glück und Schmerz. Die Lektüre der Gedichte entschleunigt, erzeugt Stille während der Lektüre, aus der eigene Gedanken aufsteigen können. Oesterhelds Sprache ist einfach, klar und darin sehr schön und verwendet Bilder, die Spuren hinterlassen, z.B. wenn sie das Leben knurren lässt wie einen alten Hund und es eine Zeile später als „wunderbare Komposition“ bezeichnet, „die keiner sich ausdenken kann / und gottlob geschieht.“ Auf diese Weise fasst sie die Spannung, in der Menschen leben, in wenige Worte auf zwei Zeilen zusammen. Oesterheld behauptet Gott nicht, sie sucht, erfragt, ersehnt ihn (oder sie!), manchmal ist sie anwesend. Ihre Texte sind Nahrung für Kopf und Herz und laden ein, sich an das Geheimnis des Lebens heranzutasten. (Religiöses Buch des Monats Juni)
Christoph Holzapfel
rezensiert für den Borromäusverein.
Im Gotteshaus der Poesie
Lisa F. Oesterheld
echter (2025)
Franziskanische Akzente ; Band 42
119 Seiten
fest geb.
Auszeichnung: Religiöses Buch des Monats
Kult
Gerade in einer Zeit des Bedeutungsverlusts der christlichen Kirchen in Deutschland möchte Kardinal Marx dennoch an der grundsätzlichen Zuversicht festhalten, dass das Christentum auch in einer quantitativ reduzierten Gestalt seine große Bedeutung
für unsere Gesellschaft, ja die ganze Welt bewahren kann, weil es in seinem Wesenskern nicht nur eine bestimmte Weltanschauung, eine besondere Ethik oder eine einzigartige mystische Erfahrung ist, sondern eben: Kult. Der Begriff "Kult" steht in der Religionsgeschichte für die Versuche des Menschen, zu Gott in Beziehung zu treten. Die Feier des Gottesdienstes, v.a. der Eucharistie, ist für das Christentum darum der eigentliche Wesenskern. Das zu betonen, ist nach Kardinal Marx gerade nicht Weltflucht und Rückzug in die Innerlichkeit, im Gegenteil! "Von Anfang an durchbricht diese Gemeinschaft Grenzen von Kultur, Sprache, Herkunft, Geschlecht. Die Begegnung mit dem geheimnisvollen Gott … hat Auswirkungen auf das Miteinander der Menschen und auf die konkrete Praxis ihres Lebens." Die Eucharistiefeier schafft eine neue Gemeinschaft der Menschen untereinander – und sie ist zugleich immer auch Sendung in die Welt, um die frohe Botschaft zu allen Menschen zu bringen. – Diese Überlegungen von Kardinal Marx sind im selbstkritischen Ringen um den richtigen Weg der Kirche in die Zukunft und in der Auseinandersetzung mit soziologischen und religionsphilosophischen Positionen unserer Zeit (z.B. von Hartmut Rosa oder Jürgen Habermas) entstanden. Dahinter steht die Überzeugung, dass die Religion der Gesellschaft Wesentliches zu geben hat – nicht nur die Hinwendung zur Transzendenz, sondern auch eine Horizonterweiterung im Hinblick auf die Gemeinschaft der Menschen untereinander. Gerade um ihren Auftrag für die Welt zu erfüllen, muss sich die Kirche darum wieder stärker auf ihren Wesenskern besinnen. Dazu kann dieses Buch mit seiner überzeugenden zentralen Aussage und vielen weiterführenden Anregungen einen wertvollen Beitrag leisten.
Thomas Steinherr
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Kult
Reinhard Marx
Kösel (2025)
171 Seiten
fest geb.
Auszeichnung: Religiöses Buch des Monats
ICONS
Ikonen sind in der religiösen Welt Bilder von Christus oder Heiligen, die ein Fenster in die geistliche Welt öffnen. Im säkularen Sprachgebrauch sind eher Helden oder Idole gemeint, wie z. B. der Bayern-Fußballer Thomas Müller. In „ICONS“
fließen diese beiden Bedeutungen ineinander. Das Buch enthält Geschichten von zwölf ikonischen Persönlichkeiten aus dem ersten Testament der Bibel und verbindet sie mit Texten junger Christ*innen, die sich in den sozialen Netzwerken mit dem Glauben auseinandersetzen. Die biblischen Persönlichkeiten und die Menschen von heute verbinden Themen wie Chaos und Ordnung, soziale Gerechtigkeit, Glaube und Zweifel, Körper und Gefühle. Lukas Springer (auf Instagram @glaube_liebe_pizza unterwegs) macht sich zur Gestalt des Noah Gedanken über Chaos und Ordnung, Mara Klein (@kle.mara, bekannt vom Synodalen Weg) schreibt unter der Überschrift „Ordnungslos“ über Menschen, die nicht in die Vorstellungen der katholischen Kirche passen, über Frauen, die geweiht werden wollen, und über queere Menschen. „Das Paradox der ‚Ungeordneten‘: Wir kommen nicht vor, aber wir sind da … Die kirchliche Schöpfungsordnung kennt uns nicht, aber G*tt hat uns geschaffen.“ Mit Jakob (Gen 25, der mit dem Traum von der Himmelsleiter) verbinden die Autor*innen starke Gefühle. Der Text über Jakob setzt beim Kampf am Jabbok ein, der als Folge eines großen Wutausbruchs beschrieben wird. Evelyne Baumberger (@evelyne_baum) befragt daran anschließend ihre Gefühle und kommt zu dem Schluss, dass „Gott auch durch Gefühle spricht und uns so Impulse gibt, die uns weiterbringen … [Gefühle] … machen uns erst zu ganzen, handlungsfähigen Menschen.“ Tamar verbinden die Autor*innen mit Intimität. Wie bei allen anderen biblischen Gestalten wird sie durch einen eindrucksvollen szenischen Text und eine kurze religionswissenschaftliche Einordnung eingeführt. Oliver Dedio (@dynamiskaidoxa) schreibt daran anknüpfend über Intimität aus Sicht eines behinderten Menschen, dessen Intimsphäre oft nicht respektiert wird. „Intimität ist für mich als behinderten Menschen ein Drahtseilakt. Er bedeutet tagtäglich Selbstakzeptanz in einer Gesellschaft, in der ich strukturell benachteiligt werde – aufgrund einer Tatsache, die ich nicht ändern kann, die mich prägt.“ Richtig zur Geltung kommen die Texte erst durch die ansprechende grafische Gestaltung, die innehalten lässt und Raum schafft für eigene Gedanken, und durch die Illustrationen von Liv Matthiesen, die die biblischen Gestalten sehr lebendig vor Augen treten lässt und dabei gängige Muster aufbricht. „ICONS“ bietet eine intensive Lektüre für junge und jung gebliebene Leute zu Themen, die nicht unbedingt in der Predigt oder der religiösen Literatur vorkommen (sollten sie aber). Sicher ein gutes Geschenk zur Firmung oder zur Konfirmation, auch zur Eheschließung, aber vor allem ein Buch, dessen Texte einen einfangen und zum Nachdenken anregen. (Religiöses Buch des Monats April)
Christoph Holzapfel
rezensiert für den Borromäusverein.
ICONS
Herausgeber*innen: Jan Kuhn, Lisa Quarch ; Illustrationen: Liv Matthiesen
Herder (2025)
303 Seiten : Illustrationen (farbig)
fest geb.
Auszeichnung: Religiöses Buch des Monats
In Gottes Hand
Bei schweren Erkrankungen, zumal am Lebensende – auch dem von engen Angehörigen – gerät jeder Mensch in existenzielle Grenzsituationen. Für den christlichen Glauben werden solche Leid- und Ohnmachtserfahrungen zur Bewährungsprobe. Dass der
Glaube auch in diesen schweren Zeiten Trost und Hoffnung spendet, ist die Überzeugung des Theologen und Biologen Ulrich Lüke, der inzwischen seit acht Jahren als Krankenhausseelsorger tätig ist. Sein Buch will diese "Erfahrungen eines Krankenhauspfarrers" darum weitergeben, denn die im Krankenhaus in schwersten Situationen, in Leiden und Tod bewährte Erfahrung, dass unser Leben bei Gott aufgehoben ist, lässt nicht nur Trost schöpfen für eigene schwere Zeiten. Vielmehr verwandelt der Glaube an einen Sinn des Lebens und Leidens und die Hoffnung auf die Auferstehung nach dem Tod bereits das alltägliche Leben. In neun Kapiteln schildert der Krankenhauspfarrer seine teils immer wiederkehrenden, teils ganz einzigartigen Erfahrungen, die er selbst nicht selten als zugleich erschütternd wie trostreich empfindet. Der Autor versammelt sehr vielfältige Texte, beginnt bei Überlegungen zu den liturgischen Grundvollzügen (Gebet, Eucharistie, Beichte, Krankensalbung) als einer Art "Handwerkszeug des Glaubens" zur Bewältigung von Krankheit und Leid. Immer wieder stellen sich im Krankenhaus auch ethische Fragen, v.a. zum Lebensschutz am Lebensbeginn und am Lebensende. Ein zentraler Abschnitt widmet sich dem Sterben im Krankenhaus und dem Auferstehungsglauben der Christen. Die meisten Texte sind einzeln entstanden, so ist das Buch auch sehr gut abschnittsweise zu lesen. Alle Texte sind jedenfalls ganz aus der Erfahrungsperspektive geschrieben, keine rein theoretischen Erwägungen. Und zwischen die Texte sind immer wieder Gebetsimpulse eingestreut. So ist das Buch eine Ermutigung für alle, die selbst krank sind oder in irgendeiner Weise mit Kranken und Sterbenden zu tun haben, aber auch für jene, die sich vor dem einen wie dem anderen fürchten.
Thomas Steinherr
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
In Gottes Hand
Ulrich Lüke
Herder (2025)
237 Seiten
fest geb.
Auszeichnung: Religiöses Buch des Monats
Gott in Rom begegnen
Rom lässt Georg Schwikart nicht mehr los. Den evangelischen Pfarrer und geborenen Katholiken (das ist für dieses Buch nicht ganz unwichtig) zieht es immer wieder in diese Stadt. Und selbst, wenn er der Stadt im Laufe eines Besuchs überdrüssig wird
– zu viele Menschen, zu viel Lärm, zu viel Dreck, zu viel Schönheit – kann er doch fast schon beglückt sagen: „Der nächste Flug nach Rom ist schon gebucht.“ Warum das so ist, erfährt, wer Schwikart auf seinen Streifzügen durch Rom begleitet. Dabei steuert er zwar römische Sehenswürdigkeiten an, doch die spielen hier nicht die Hauptrolle. Wichtiger sind die Beobachtungen und Begegnungen, die sich unterwegs ergeben. Zum Beispiel die Sache mit der Monstranz. Nach einer Messe in Il Gesù, der Hauptkirche der Jesuiten in Rom, wird das Allerheiligste in einer Monstranz zur Anbetung ausgesetzt. „Ich trage den Leib des Herrn in meinem Leib“, sinniert Schwikart vor dem Allerheiligsten. „Ich selbst bin zu einer lebendigen Monstranz geworden, aus Fleisch und Blut. Was zeige ich der Welt? Dass mich das göttliche Geheimnis erfüllt?“ Das Pantheon, die antike Kirche im Herzen Roms, die aus einer einzigen weiten Kuppel besteht und oben nicht geschlossen ist, sieht er als Sinnbild für die Ungreifbarkeit Gottes. Dort sei das Wichtigste das, was nicht da ist. „Kein Kunstwerk. Keine Worte. Durch die Jahrtausende dient es als Sinnbild dafür, dass das Entscheidende nicht gezeigt oder gesagt werden kann.“ Das Besondere an Schwikarts Perspektive auf Rom ist sein Blick auf die Stadt als geborener Katholik, der nach heftigem Streit mit dem Kölner Erzbischof zum Protestantismus konvertierte. Er hat das Katholische nicht einfach abgeschüttelt (wenn das überhaupt geht), sondern um den Protestantismus erweitert und schreibt in wohltuend ökumenischem Geist. Früher oder später landet der Autor auf einen Espresso oder Cappuccino in einer Bar oder in einem der vielen römischen Gasthäuser. Essen ist für ihn nicht nur eine Notwendigkeit, sondern gehört zum Erlebnis Rom unbedingt dazu. Es dient auch der Entschleunigung, um die vielen Eindrücke aus der Stadt zu verarbeiten – und setzt der römischen Hektik etwas entgegen, die zur DNA dieser Stadt gehört. Mit seinen Streifzügen vermittelt Schwikart, dass Rom nur kennenlernt, wer auch die Stadt und das Leben zwischen den Sehenswürdigkeiten wahrnimmt, sich auf einen Espresso an eine Piazza setzt und den Leuten zuguckt, die vorbeiströmen. Möglichst viele Sehenswürdigkeiten in möglichst kurzer Zeit mitzunehmen, bedeutet dagegen, Rom zu verpassen. Als Reiseführer zu den Sehenswürdigkeiten Roms ist das Buch deshalb gänzlich ungeeignet, als geistlicher Begleiter für eine Besuch in der Ewigen Stadt, gerade im Heiligen Jahr 2025, gehört es aber unbedingt in die Hand einer*es jeden Reisenden. (Religiöses Buch des Monats Februar)
Christoph Holzapfel
rezensiert für den Borromäusverein.
Gott in Rom begegnen
Georg Schwikart
echter (2024)
167 Seiten : Illustrationen
kt.
Auszeichnung: Religiöses Buch des Monats
Brannte nicht unser Herz?
Der moderne Mensch tut sich oft schwer mit Traditionen, Riten und Symbolen, eine katholische Messfeier erscheint deshalb selbst manchen Katholiken inzwischen weit entfernt von ihrer eigenen Lebenswirklichkeit. Marco Benini, Professor für Liturgiewissenschaft
in Trier, möchte mit seinem Buch „Brannte nicht unser Herz?“ den Gottesdienstbesuchern Verständnishilfen anbieten, durch die sie wieder hineinfinden können in eine bewusstere und damit aktivere Teilnahme an der Eucharistiefeier. Benini vergleicht die Messe mit der Emmauserzählung des Evangelisten Lukas: In der Messe begegnen wir wie Kleopas und „der andere Jünger“ dem Herrn und im Brotbrechen gehen uns die Augen auf. Es geht deswegen darum, wie die Emmausjünger auf Jesu Wort zu hören (Wortgottesdienst), ihn einzuladen ‚Bleib bei uns!‘ und so „die rechte Haltung für die Eucharistiefeier“ einzunehmen, unser Leben einzubringen mit allem, was wir an Sorgen, Fürbitte und Dank in uns tragen. Ihn in der Kommunion zu empfangen und uns durch seinen Geist verwandeln zu lassen, von der Kommunion zur communio, der Gemeinschaft untereinander zu finden – uns einander zuzuwenden, wenn wir wie die Emmausjünger Jesus „nicht mehr sehen“, und mit brennendem Herzen in unseren Alltag zurückzukehren, von ihm gesendet, und voller Zuversicht auf die kommende Erlösung. Schritt für Schritt werden vor diesem Hintergrundverständnis die einzelnen Teile der Messfeier dargestellt und erklärt, ausgehend vom Beginn des Gottesdienstes – der Versammlung der Gemeinde. Der Bußakt mit Schuldbekenntnis, der heute vielen Menschen eher etwas suspekt ist, wird als eine Art „Faktencheck“ gedeutet, der den Menschen gerade nicht auf seine Schuld fixieren will, sondern Gottes barmherzige Vergebung zusagt. Nach dem Wortgottesdienst mit seinen verschiedenen Schriftlesungen wird das Hochgebet (in seinen vier Ausprägungen) bis in einzelne Formulierungen hinein erklärt und der Sinn ausgedeutet, auch im Rückgriff auf die Eucharistieerklärungen der Tradition in Antike und Mittelalter sowie in seinen Parallelen zum Vaterunser. Auch alle Riten und Gebete der sich anschließenden Kommunionfeier werden bis in jedes Detail ausgeleuchtet. Und nicht zuletzt auf die Sendung in die Welt verwiesen, mit der jede Messe endet, um das ganze Leben eucharistisch zu leben, dankbar für Gottes bleibende Gegenwart. Zu den hilfreichen theologischen Klärungen (Wer oder was bewirkt die Wandlung? Ab wann sind Brot und Wein zu Leib und Blut Christi geworden? Ist die Messe nun Mahl oder Opfer?) kommen auch interessante historische Einblicke, z.B. lernt man, dass gemäß der ältesten Beschreibung der Messe von Justin dem Märtyrer (um 150) die Messe damals der heutigen bereits verblüffend ähnlich war. Dazu gibt es auch einige praktische Anregungen zur Messgestaltung, etwa durch besondere Hervorhebung des Amens zum Abschluss des Hochgebets. Man erfährt, wie viele biblische Bezugnahmen in den Gottesdienst eingebaut sind, begreift den Aufbau der Messfeier in ihrem großen Zusammenhang und versteht viele Symbole und Gebete in einer wesentlich größeren Tiefe – und damit auch den vollen Sinn und die Bedeutung der Eucharistiefeier: die Vergegenwärtigung der österlichen Hingabe Christi und der pfingstlichen Geistsendung. Sie wird zum Vorbild und Modell des ganzen Lebens, das eucharistisch geprägt sein soll. Immer wieder wird gerade dieser Punkt betont, dass die Teilnahme an der Messfeier keine bloß private Frömmigkeitsform darstellt, sondern zur Zuwendung zu den anderen Menschen auffordert und dafür stärkt; und nicht zuletzt auch die Schöpfung als Gottes Gabe immer wieder in Erinnerung ruft. So wird man ermutigt und zugleich befähigt, Gottesdienste bewusster und mit größerer aktiver Teilnahme mitzufeiern – und dadurch gestärkt und verwandelt den Alltag in christlicher Weise zu gestalten. (Religiöses Buch des Monats Januar)
Thomas Steinherr
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Brannte nicht unser Herz?
Marco Benini
Verlag Herder (2024)
144 Seiten
fest geb.
Auszeichnung: Religiöses Buch des Monats