Die dem Wind lauscht

Nobelpreis für Literatur 2026 für Anne Carson

Die kanadische Sprachkünstlerin (Schriftstellerin oder Lyrikerin wäre zu wenig) Anne Carson erhält den Nobelpreis für Literatur 2026. Ausgezeichnet wird sie für „ihr kühnes und einfallsreiches Werk, das im spielerischen Dialog mit der klassischen Tradition neue Formen zeitgenössischer Literatur geschaffen hat“, wie die Schwedische Akademie mitteilte.

Anne Carson wurde 1950 in Toronto geboren, lehrte altgriechische Literatur an verschiedenen Universitäten in Kanada und den USA und veröffentlicht Literatur, die in keine Schublade passt. In einem hörenswerten Feature für Deutschlandfunk Kultur sagt dessen Autorin Corinne Orlowski über das Werk von Carson: „Ihre Bücher sind klingende Geflechte. Gedichte, Prosastücke, Dramolette, Opernlibretti und Vorträge collagiert sie zu neuen literarischen Formen. Dabei löst sie antike Motive und Mythen aus ihren ursprünglichen Erzählungen und verknüpft sie mit unserer Gegenwart. So entsteht ein Kurzschluss über Jahrtausende hinweg.“

medienprofile-Rezensent Helmut Krebs schrieb 2014 über ihr (vergriffenes) Werk „decreation“: „Sie führt den Leser aus seiner Weltsicht und Sprache zurück auf die Beobachtung der Urmomente von Sprechen und Sich-dem-Sprache-hingeben. Ein luziderer Essay wie der über das Erhabene ("Schaum"), oder über den Schlaf mit Brücken von Homer bis Virginia Woolf, wird in deutscher Sprache kaum veröffentlicht. Ein Buch für wenige, ein intellektuelles Vergnügen, das sich querstellt zu jedem Mode- und Marktwort und dennoch für den Aufmerksamen auf die Aktualität des Sinns für Worte und Werte deutet.“

Einem größeren Publikum bekannt wurde sie mit ihrem Vers-Roman „Rot“ (1998) und dessen Fortsetzung „Rot Doc>“ (2013). 2019 sind beide Romane in einer Übersetzung von Anja Utler (siehe medienprofile-Rezension unten) bei Fischer erschienen.

Anne Carson lebt mit ihrem Mann in Michigan und in Island, wo sie auch der Anruf der Schwedischen Akademie erreichte. Dort lausche sie dem Wind, sagte sie Ingrid Carlberg, der Ständigen Sekretärin der Schwedischen Akademie, bei einem kurzen Telefonat vor der Bekanntgabe des Nobelpreises. Die Sprache des Windes ist für eine Person, die auf so kreative Weise mit Sprache umgeht, sicher nicht die schlechteste Inspiration. Wer weiß, was sie und wie sie der Welt davon erzählt, wenn es soweit ist.

Zum Feature von Deutschlandfunk Kultur gelangen Sie über diesen Link.

(mit Material von wikipedia, nobelprize.org, Deutschlandfunk Kultur)
 

Anne Carson 2024
Foto: Jay Dixit - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0

Rot

Anne Carson gilt als wisdom writer, als weise Dichterin. Als Altphilologin ist sie in den antiken Texten zuhause. Nun liegt ihre Doppelbiografie "Rot" vor. Sie besteht aus den Romanen "Die Autobiographie von Rot" und "Rot Doc>" (das ist offenbar Rot der Standardname, den der Computer der Autorin dem Dokument gab), die 1998 und 2003 in Amerika erschienen. Ihr Thema ist die Geschichte des Geryon, einem rot geflügelten Hirten aus dem antiken Mythos, der mit seinen roten Rindern und einem Hund auf der Insel Erytheia lebte, wo ihn Herakles tötete und seiner Herde beraubte. Anne Carson erzählt diese wenig bekannte Geschichte, die in Papyrusfragmenten von Stesichoros überliefert ist, einmal als Coming-of-Age-Romanze eines jungen, homosexuellen Mannes, der von seinem Bruder missbraucht wird und sich in Herakles verliebt, sodann als Roadmovie, in dem Geryon und Herkules, nun ein Kriegsveteran und Katastrophenfotograf, Südamerika bereisen. Hat man sich einmal mit den Langversen des ersten und dem schmalen Spaltenformat des zweiten Romans angefreundet, dann kann man in der Geschichte von Geryon eine sehr moderne Erzählung erkennen, die unsere Gewissheiten vom Sehen und Verstehen, von Identität und Erinnerung, von Zeit und Ewigkeit zum Wanken bringt, eine Erzählung von großer Kühnheit und Kraft. Gute Geschichten bedürfen weiser Erzähler. Anne Carson ist eine. In ein zupackendes Deutsch aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Anja Utler. Empfehlenswert!

Michael Braun

Michael Braun

rezensiert für den Borromäusverein.

Rot

Rot

Anne Carson
Fischer (2019)

317 S.
fest geb.

MedienNr.: 598958
ISBN 978-3-10-397279-5
9783103972795
ca. 24,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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