Im falschen Leben. Eine Jugend
Zumindest die Eckdaten im Lebenslauf des Ich-Erzählers stimmen mit denen des Autors überein: eine Kindheit in einer Gutsbesitzerfamilie auf Haiti, die geprägt ist von einer tropischen Landschaft und von einer Mischung aus Katholizismus, Voodoo und
Überlieferungen der Mutter über ihre afrikanischen Vorfahren. Durch Schergen des Diktators Duvalier wird die Familie ausgelöscht. Ein befreundeter Schweizer Arzt kann den Jungen retten und nimmt ihn mit nach Basel, in ein gutbürgerliches, ja wohlhabendes, von jüdischen Traditionen geprägtes Umfeld. Laut Klappentext treibt den Jugendlichen besonders die Frage um, ob er dem Judentum zugehörig ist. Er will das wohl zeitweilig bejahen, bis er in Israel einem ebenso dunkelhäutigen Falascha begegnet und die Ablehnung der jüdischen Gesellschaft gegen diese Minderheit aus Äthiopien spürt. In manchen Szenen kommen auch die Vorbehalte der feinen Basler Gesellschaft zum Vorschein; manche scheinen schon über seinen Namen und das ihrer Meinung nicht dazu passende Aussehen zu stolpern. – Der Autor ist Ende April wenige Tage vor dem Erscheinen des Buches verstorben. Im Gegensatz zum Romanhelden, der zwei Studiengänge wirft und kein Ziel zu haben scheint, hat er wohl seinen Lebensweg als Literaturwissenschaftler zielstrebig gefunden. Der Roman ist unter zwei Aspekten lesenswert. Zum einen, wie vom Verlag angegeben, als Auseinandersetzung damit, was jüdisch sein heißt. Zum anderen, wie groß der kulturelle Sprung zwischen der französisch geprägten agrarischen Oberschicht einer Karibikinsel und dem (Basler) Bürgertum mitteleuropäischer Prägung ist.
Pauline Lindner
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Im falschen Leben. Eine Jugend
Jean-Raoul Austin de Drouillard ; ins Deutsche übersetzt von Steven Wyss
Lenos (2026)
226 Seiten : Illustration
fest geb.