Ich gebe niemanden auf
Engin Çatik ist Schulleiter an einer sogenannten Brennpunktschule „Friedrich Bergius“ in Berlin und hat sie inzwischen zum Vorzeigeprojekt gewandelt. Dafür hat er keinen großen Masterplan oder schulisches Konzept entworfen. Er selbst kennt die
problematischen Lebensrealitäten der Jugendlichen und ihre Probleme aus eigener familiärer Erfahrung. Von Anfang an will er verstehen, was sie brauchen, und Vertrauen zu ihnen aufbauen. Çatik spricht von „radikalem“ Vertrauen, das er den jungen Menschen schenken will, noch bevor sie bewiesen haben, wie sie damit umgehen. Jugendliche wollen gesehen und gehört werden. Schon morgens am Portal oder bei Rundgängen auf dem Pausenhof sieht der Schulleiter, wer müde oder traurig ist oder Aufmerksamkeit sucht. In Gesprächen erfährt er Beispiele für Armut, wenn zuhause z.B. kein fester Lernplatz zur Verfügung steht. Bei allem, was an falschem Verhalten in der Schule auffällt, sollen auch die Bedingungen ihres Entstehens (kranke Mutter, keine Ruhe oder Hilfe, Briefe werden nicht verstanden) betrachtet werden. Kinder leiden oft auch unter der Erfahrung von Krieg und Flucht, körperlicher oder physischer Gewalt oder von übermäßiger Verantwortung in den Familien. Ein Zugang zu diesen Schülern braucht vor allem Zeit und Geduld. Man darf nicht nur das Fehlverhalten sehen. – Selbstverständlich geht es in seiner Schule auch um Leistung und Prüfungen, viel Zeit wird aber auch für „Zukunftskompetenzen“ (ohne Benotung) verwendet. Die fünf neuen Fächer heißen „Glück, Verantwortung, Empathie, Haltung und Zukunft“. Anschauliche Beispiele aus dem Schulalltag belegen und überzeugen vom Erfolg dieses mutigen Schulleiters. – Sehr zu empfehlen!
Berthold Schäffner
rezensiert für den Borromäusverein.
Ich gebe niemanden auf
Engin Çatik mit Ebru Tasdemir ; unter Mitwirkung von Katrin Blum
S. FISCHER (2026)
239 Seiten
kt.