Halbtier!
Die 1856 in Weimar geborene und später in München lebende Schriftstellerin erregte mit ihren feministischen Romanen schon zu Lebzeiten Aufsehen. In ihrem 1899 erschienenen Roman „Halbtier!“ beschreibt sie sehr deutlich, wie despektierlich Männer
zu jener Zeit ihre Ehefrauen und Töchter oft behandelten. Frauen galten den Männern kaum mehr als Nutztiere: zum Gebären und Kinderaufziehen bestimmt, aber aus der geistig-kulturellen Sphäre ausgeschlossen. Selbstverwirklichung war weder vorgesehen noch erwünscht. – Böhlau porträtiert in ihrem Roman die Familie des autoritären Schriftstellers Doktor Frey. Die von Haushaltsführung und Kindererziehung erschöpfte Mutter erbt eine größere Summe Geld, doch der Mann entscheidet allein, was damit passiert. Von ihren halbwüchsigen Söhnen wird die Mutter genauso wenig ernst genommen. Im Zentrum der Erzählung stehen die beiden Töchter, vom Vater nur „die Bamsen“ genannt. Die willensstarke Isolde ist bis über beide Ohren in den Künstler Henry Mengersen verliebt, dieser entscheidet sich jedoch aus Kalkül dafür, ihre zurückhaltende Schwester Marie zu ehelichen. Als Mengersen Isolde sexuell bedrängt, greift sie zum Äußersten und erschießt ihn. – Mit drastischen Szenen und deutlichen Worten zeichnet die Autorin ein Gesamtbild der Ausbeutung und Herabwürdigung der Frauen im Patriarchat. Ihr kraftvoller, symbolisch dichter Stil ist wegen der antiquierten Sprache zunächst etwas ungewohnt, entfaltet jedoch rasch eine starke Sogwirkung.
Franziska Knogl
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Halbtier!
Helene Böhlau
Reclam (2025)
202 Seiten
fest geb.