Winterschlaf
Schauplatz ist ein düsteres Alpental, kaum Sonne, Schnee drückt gegen die Fensterläden. Die „Wir-Erzähler“ sind Zwillinge, Bruder und Schwester, 10 Jahre alt, die nicht voneinander zu unterscheiden sind. Ihr Großvater, Apo genannt, ist versehrt
mit einem Beinstumpf. Die Mutter hält Winterschlaf und träumt dabei viel. Bei Frühlingsanbruch schickt der Apo die Kinder in den Keller, um ihrer Mutter beim Wachwerden zu helfen. Der Keller ist ein Drecksloch, stinkend, voller schimmliger Essenreste. Sofort beginnt die Mutter, fieberhaft ihre Träume aufzuschreiben. Denn das ist das Geschäftsmodell des Großvaters: Er vermarktet ihre Schriften als Weissagungen an eine zahlungswillige Klientel aus der Stadt. Und hier erlebt man ein Paradox, denn moderne Technik ist vorhanden. Der Großvater wirft mit Handy, Computer und Internet die Werbetrommel an, während die Kinder mit Weihrauch, Kerzen, Postkarten und Kalendern im Verkaufsraum für Atmosphäre sorgen. – Der österreichische Autor Mario Petuzzi erschafft in seinem Debütroman ein archaisches Szenario, das man so schnell nicht vergisst. Und in dem beschriebenen Jahr wird die immergleiche Routine durchbrochen, als sich ein paar Fremde für das Phänomen des mütterlichen Winterschlafes interessieren. – Empfehlenswert.
Karin Blank
rezensiert für den Borromäusverein.
Winterschlaf
Mario Petuzzi
Diogenes (2026)
238 Seiten
fest geb.