Die Träume, die wir hatten
Am 22.02.2022 starb eine Freundin der Autorin durch Selbstmord. Es war die Nacht vor dem Angriff Russlands auf die Ukraine. Den Tod dieser Frau, die im Buch nur als 'meine Freundin' bezeichnet wird, nimmt Christiane Hoffmann zum Anlass, die Geschichte
Russlands und der Ukraine seit Anfang der 1990er-Jahre mit ihrer eigenen Biografie und der Biografie ihrer Freundin zu verbinden. Beide Frauen haben in den 1980er-Jahren Slawistik studiert, wodurch sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion eine berufliche Perspektive ergab. Hoffmann erlebte die Unabhängigkeitserklärung der Ukraine in Kiew, in der Redaktion von Gosteleradio, später berichtet sie viele Jahre lang für die F.A.Z. u. a. aus Moskau. Ihre Schilderungen tragen zu einem lebendigen Verständnis der gegenwärtigen Krise bei. Gleichzeitig schreibt sie über ihre Beziehung zu ihrer Freundin, mit der sie zusammen die Studienzeit in Hamburg verbrachte und die später mit einem russischen Künstler verheiratet war. Die Autorin gibt in diesem Buch persönliche Einblicke in das zwischenmenschliche Verhältnis der beiden Frauen und spricht auch offen Konflikte und persönliche Zweifel an. Im Zentrum der Reflexionen steht häufig die russische Dichterin Anna Achmatowa, deren Lyrik zu einem engen Band zwischen den beiden Frauen wurde. Der Verweis im Titel auf die Träume von einst bezieht sich sowohl auf das Leben der beiden Freundinnen als auch auf die Hoffnungen der Menschen in Russland und der Ukraine, die von einer Zukunft in Freiheit träumten und nun in einem Krieg ums Überleben kämpfen müssen. – Sehr empfehlenswert!
Adelgundis Hovestadt
rezensiert für den Borromäusverein.
Die Träume, die wir hatten
Christiane Hoffmann
C.H.Beck (2026)
299 Seiten
fest geb.