Klassenfoto 1937
Klassenfotos haben ein ganz besonderes Erinnerungspotential, sie lassen noch nach Jahren lang zurückliegende Erlebnisse wieder lebendig werden, werfen aber gleichzeitig auch die Frage auf, was mit den einzelnen Mitschülern/Mitschülerinnen wohl geworden
ist. Leben sie überhaupt noch? Ganz besonders konkret werden diese Gedanken für die 48 jüdischen Kinder – heute z.T. hochbetagte Holocaust-Überlebende -, die sich alle im Mai 1937 unbeschwert und fröhlich im Innenhof der jüdischen Volksschule an der Herzog-Rudolf-Straße zu diesem Klassenfoto aufgestellt haben. Antworten auf die angedeuteten Fragen gibt dieses informative und bewegende Buch, in dem die beiden Historikerinnen Kristina Milz und Julia Schneidawind mit Unterstützung von Studierenden der LMU in München anhand intensiver Recherchen (Dokumente, Tagebücher, Interviews, Erinnerungen) den Lebensweg einiger Kinder nachzeichnen. Eindringlich und einfühlsam berichten die Autorinnen von einer aus dem Blickwinkel der Kinder glücklichen Kindheit in München, vom immer schwieriger werdenden Alltag, von wachsender Diskriminierung und wirtschaftlichen Einschränkungen, von nach dem 9.11.1938 rigoros organisierten Hausdurchsuchungen, Verhaftung und Verschleppung der Väter ins KZ Dachau und von kaum mehr zu bekommenden Ausreisevisen. Während dieser Zeit war die Schule – sie wurde 1938 zerstört – für die Kinder ein Ort, wo sie sich sicher fühlten, Freundschaft und Gemeinschaft erlebten. Doch die Schlinge zog sich schnell zu. Für elf Kinder und den Großteil ihrer Familien bedeutete dies Deportation und Ermordung, andere wurden zu früher emigrierten Verwandten in Palästina, USA und Argentinien geschickt, einige überlebten im Versteck und wieder andere entkamen mit Kindertransporten nach Großbritannien. – Ein absolut lesenswertes Buch!
Inge Hagen
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Klassenfoto 1937
Kristina Milz & Julia Schneidawind
C.H.Beck (2026)
420 Seiten : Illustrationen
fest geb.