Alles Liebe
Der neue Roman der Schriftstellerin, Journalistin und Moderatorin Ronja von Rönne ist kein stringent erzählter Roman, sondern eine Aneinanderreihung scheinbar unabhängiger Episoden mit vereinzelt wiederkehrenden Personen. Die vier Kapitel erzählen
von Frauen, die mit Verlusten, Einsamkeit und Minderwertigkeitsgefühlen kämpfen und beginnen, für sich eine alternative Wirklichkeit zu erschaffen: mit kleinen und großen Lügen, einer Fantasiefamilie und anderen Ablenkungen von der tristen Realität. Teenagerin Laura kümmert sich mit großer Anteilnahme um eine krebskranke Klassenkameradin und heimst dafür viel Lob ein. Die Genesung der Freundin droht diese gesellschaftliche Anerkennung zu gefährden. Barbara verleugnet den Tod ihrer Tochter so lange, bis ihre Ehe zerbricht und sie eine „Beziehung“ mit einem Katalogmodel eingeht. Heike steht unter dem Kommando ihrer Schwiegermutter und sieht hilflos ihr Leben an sich vorbeirauschen. Künstlerin Christina kann ihren Ruhm nicht genießen, weil ihrem Mann ein gleichwertiger Erfolg verwehrt bleibt. Diese Menschen leiden an ihrer Lebenswirklichkeit und sehen keinen anderen Schutzmechanismus als die Realitätsflucht. – In einem fulminant überraschenden Schlusskapitel verknüpft Rönne meisterhaft alle losen Fäden und schließt den Schicksalsreigen. Beeindruckend dabei ist, mit welch emotionaler Tiefe sie die Gefühle ihrer Protagonistinnen ausleuchtet und damit auch denen, die sie nicht sympathisch gezeichnet hat, gerecht wird. Uneingeschränkte Empfehlung.
Susanne Steufmehl
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Alles Liebe
Ronja von Rönne
dtv (2026)
236 Seiten
fest geb.