Die Revolutionäre des Ich
Nachdem Sigmund Freud in den ersten Jahrzehnten des 20. Jh. die Psychoanalyse zu einer auch in der Öffentlichkeit beachteten wissenschaftlichen Disziplin ausgebaut hatte, machte sich eine zweite Generation von Psychoanalytikern daran, seine Arbeit
fortzuführen und in die notwendigen neuen Bahnen zu lenken. Vier der bedeutendsten hat sich Steve Ayan ausgesucht, um anhand ihrer Lebenswege und wissenschaftlicher Entwicklung die Geschichte der modernen Psychotherapie herauszuarbeiten: Karen Horney schaffte es, die psychologisch von Freud ziemlich außer Acht gelassenen Frauen ins Zentrum des wissenschaftlichen Interesses zu führen. Der gelernte Soziologe Erich Fromm versuchte, individuelle Entwicklung und soziale Gerechtigkeit unter einen Hut zu bringen. Paul Watzlawick legte das Augenmerk auf die Bedeutung der Kommunikation für die Psychoanalyse. Und Alice Miller entdeckte zum ersten Mal die psychologische Aufarbeitung von Kindheitstraumata als zentrales Thema. Spannend und überaus informativ versteht es Ayan, die menschliche und wissenschaftliche Entwicklung der vier vor dem Hintergrund der (Welt-)Geschichte und des jeweiligen Zeitgeists zu deuten und zu erläutern. Ein wenig auffällig ist, dass er dabei mit Alice Miller am kritischsten umgeht. Am Schluss des Buches findet er auch vor dem Hintergrund der geschilderten Geschichte der Psychoanalyse kritische Worte zur heutigen „Psychokultur“, in der das Finden des eigenen Selbst manchmal schon wahnhafte Auswüchse findet – was Ayan in einem seiner früheren Bücher als „Bewusstseinfimmel“ definierte. – Wieder einmal hat der Wissenschaftsjournalist und Psychologe ein Fachbuch geschrieben, das sich spannend und fesselnd liest und auch oder gerade dem psychologischen Laien leicht verständlich eine Fülle von Informationen zu einem nicht leicht zu vermittelnden Sachgebiet liefert. Sehr zu empfehlen.
Günter Bielemeier
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Die Revolutionäre des Ich
Steve Ayan
dtv (2026)
332 Seiten : Illustrationen
fest geb.