Hummerjahre
Die Figuren aus Beatrix Gerstbergers erstem Roman „Hummerfrauen“ (BP/mp 25/1004) trifft man in dem zweiten Band auf Eagle Island wieder – und verfolgt bei der Lektüre die unsichtbaren und doch starken Verbindungen zwischen ihnen. Mina kehrt
mit ihrer fast erwachsenen Tochter Luca auf die Insel zurück und muss eine Entscheidung zwischen den Gefühlen zu Lucas Vater Sam und ihrem Ehemann Carlos treffen. Judith, Minas Mutter, die einst auf der Insel ihren Sohn verloren hat, nimmt dort jetzt Abschied von ihrem todkranken Mann Richard und stellt sich einer alten, bedrückenden Schuld. Und schließlich die verwitwete Julie, die vor der Küste von Maine nach Hummern fischt und ihre Wahlfamilie sowie die Nachbarschaft auf der Insel immer wieder aufmischt. „Hummer sind das Sinnbild für Menschen, die Nähe suchen und sie gleichzeitig meiden.“ Es ist ein ganzes Spektrum an Emotionen, Beziehungsstrukturen und inneren Konflikten, die die Autorin im eher nachdenklichen, ruhigen Erzählton und kurzen Kapiteln überzeugend auffächert. Unterschiedliche Formen der freundschaftlichen Nähe, die mal auf innigem Verständnis füreinander und mal auf ruppig-robustem Humor basiert. Verschiedene Konstellation der Liebe, die in der Partnerschaft oder Verwandtschaft einen gleichzeitig halten und verletzen kann. Der Mut zum Loslassen ist die Voraussetzung dafür, Verletzungen hinter sich zu lassen und sich einander wieder anzunähern. Das literarische Symbol dieser Lebenserfahrung, die die drei Protagonistinnen teilen, ist eben der Hummer, der immer wieder seine Schale abwirft, um zu wachsen. Klare Empfehlung für alle Bestände!
Slávka Rude-Porubská
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Hummerjahre
Beatrix Gerstberger
dtv (2026)
345 Seiten : Illustration, Karte
fest geb.