Meine goldene Schwester
Amy und Olivia Shred könnten unterschiedlicher nicht sein. Amy fühlt sich immer im Schatten ihrer wilden, selbstbewussten Schwester, der alles zufliegt. Doch als Teenager wird Olivia unberechenbar: Sie hält keine Regeln mehr ein, springt durch Glaswände,
verschwindet tagelang, nimmt Drogen, wird straffällig und verbringt Monate in der Psychiatrie. Die Eltern sind völlig unbeholfen im Umgang mit ihr. Gleichzeitig führt Amy ein "stilles Leben" im Schatten der Verwüstungen, die Olivia hinterlässt. Das Mauerblümchen Amy versucht, sich ein normales, gefälliges Leben aufzubauen. Sie ist brav und Klassenbeste, aber ansonsten unsichtbar. Als geborene Außenseiterin fällt es ihr schwer, Freundschaften zu schließen und Beziehungen zu führen, auch im Erwachsenalter. 20 Jahre begleitet der Roman die Geschwister durch Kindheit und Jugend, ausschließlich aus der Perspektive Amys erzählt. Unmittelbar und eindrücklich können die Lesenden die Auswirkungen einer "bipolaren Störung" im Zusammenleben einer Familie miterleben. – Es ist ein Drama, welches authentisch die Folgen einer psychischen Erkrankung eines Familienmitgliedes für die Angerhörigen beschreibt. Immer wiederkehrende Hilflosigkeit, Verzweiflung und Wut ebenso wie die anhaltende Sorge über Wohlergehen oder weiteren Katastrophen sind bei allen Betroffenen spürbar. Offensichtlich wird, wie schwer und notwendig es ist, sich abzugrenzen, um sich selbst zu schützen. Diese innere Zerrissenheit dauert bis zum Ende des Romanes an, denn jede Stabilität ist nur eine Momentaufnahme, welche zerbrechlich ist und jederzeit wieder umschlagen kann. Die Entwicklung der Charaktere und deren Emotionen sind lebendig und gut nachvollziehbar. Entstanden ist ein Roman, der berührt und fesselt.
Silvia Eilers
rezensiert für den Borromäusverein.
Meine goldene Schwester
Betsy Lerner ; aus dem Englischen von Cornelia Holfelder-von der Tann
btb (2026)
315 Seiten
fest geb.