Ein menschlicher Fehler
Wenn es Nacht wird in Seoul, wagt sich Hae-Su aus der Sicherheit ihrer Wohnung hinaus auf die leeren Straßen der Stadt. Die einst erfolgreiche Psychotherapeutin hat durch einen unachtsamen Satz in einer Fernsehsendung alles verloren: ihre Arbeit in
einem Therapiezentrum, ihren Partner, den Kontakt zu Freunden und Familie. Im Internet wird sie mit Hasskommentaren überhäuft, ihre Adresse findet sich dort auch, so dass sie Angst um ihr Wohlergehen haben muss. Einsam sitzt sie daheim, schreibt Briefe an die Menschen, denen sie einst etwas bedeutete, Briefe, die sie nie abschicken wird. Hae-Sun ringt mit sich, ringt mit ihrer Situation als Ausgestoßene, versucht, ihre Emotionen zu unterdrücken und kann doch nicht mit ihrer neuen Situation umgehen. Erst als sie auf den Straßen die zehnjährige Se-I trifft, ein Mädchen, das in der Schule gemobbt wird und das ebenfalls keinen Platz in der Gesellschaft zu haben scheint, öffnet sich Hae-Sun langsam. Vor allem, als beide sich um den verletzten Kater "Rübe" kümmern. – Poetisch, aber auch nüchtern, in knappen Sätzen erzählt Kim Hye-Jin eine auf den ersten Blick schlichte Geschichte. Vieles wird nur angedeutet, auch der Hintergrund, warum Hae-Sun zur Ausgestoßenen wird, erschließt sich erst nach und nach. Hae-Sun bleibt dabei rätselhaft, eine schwer greifbare Gestalt, der Text erlaubt hier die unterschiedlichsten Interpretationen. Und dies ist es, was das Buch trotz seiner Kürze lesbar und faszinierend macht. Es ist ein offenes Buch, das zum Nachdenken einlädt und noch lange nach dem Ende der Lektüre nachdenklich macht. Denn letztlich bleibt auch hier die Frage: in was für einer Gesellschaft wollen wir als Menschen gemeinsam leben? Wärmstens empfohlen.
Friedrich Röhrer-Ertl
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Ein menschlicher Fehler
Kim Hye-jin ; aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee
Hanser Berlin (2024)
219 Seiten
fest geb.