Ein Jahr der letzten Dinge
Der Autor und der deutsche Übersetzer dieser Gedichte sind vor allem als Filmregisseure bekannt. Beide sind jetzt auch in einer Lebensphase angelangt, in der die "letzten Dinge" immer mehr in ihr Denken und ihre Gefühlswelt eindringen. Der Titel
des Bandes und auch die Gedichte überlassen es der Neugierde der Leser, was genau unter diesen letzten Dingen zu verstehen ist. "So viel zu lernen, noch zu lernen/ in diesen letzten Tagen, sie (Stella) betrachtete uns/ mit einer Geistesgegenwart, die wir vielleicht/ nicht gelernt haben, jedoch lernen sollten." Jüngere Leser werden mit diesen Versen eines alten Filmregisseurs (und den Übersetzungen eines ebenso am Ende seines Lebens stehenden Freundes und Filmregisseurs) vermutlich wenig anzufangen wissen. Und man kann es ihnen nicht einmal zum Vorwurf machen. Wer aber selbst in dem Alter des Autors steht, wird hier Passagen von großer poetischer Schönheit und Lebensweisheit finden. Wunderbar das Gedicht "Die große Vergänglichkeit". "In frühen Jahrhunderten wurden wir von/ ein paar wenigen Landkarten auf der Reise des Herzens geleitet/ Im Osten bleiche Länder des Glaubens und der Opfer,/ im Süden Flüsse des Schwelgens und Wälder der Launen". Ondaatje wie Herzog sind Augenmenschen, Bildersammler, Weltneugierige, die uns mit ihren Filmen ganz neue und ungewohnte Blicke auf die Gegenwart geschenkt haben. Diese Gedichte lesend, ziehen vor unseren Augen noch einmal Sequenzen aus ihren großartigen Filmen vorbei.
Carl Wilhelm Macke
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Ein Jahr der letzten Dinge
Michael Ondaatje ; übersetzt von Werner Herzog
Hanser (2025)
111 Seiten
fest geb.