Russische Spezialitäten
Dimitri migriert als Kind mit seiner Familie aus der Ukraine nach Deutschland. Seine ursprünglich aus der Sowjetunion stammenden Eltern eröffnen, nachdem sie fast ihr ganzes jahrelang in Kiew angespartes Geld mit Telekom-Aktien verloren haben, mit
den übrig gebliebenen 2000 Mark in Leipzig einen russischen Spezialitätenladen. Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine gibt es aber keinen Kaviar, Wodka oder Pelmeni mehr. Die Stammkunden, denen die Heimat sehr fehlt und die sich in der Fremde emotional schlecht zurechtfinden, kommen aber trotzdem noch wegen des osteuropäischen Zusammengehörigkeitsgefühls. Dimitris Mutter steht fest an Putins Seite. Ihr Sohn ist verzweifelt, weil er sie nicht von den russischen Propagandalügen abbringen kann. Doch er liebt sie – und sieht keinen anderen Ausweg, als mitten im Krieg in die Ukraine zu reisen, um sie zurück in die Realität zu holen. – Dimitri Kapitelman, in Kiew geborener "jüdischer Kontingentflüchtling", setzt sich in seiner autobiografisch geprägten Erzählung mit Migration und den Verhältnissen in Kiew in Zeiten des russischen Angriffskrieges auseinander. Der Autor ist ein Erzähler von Format und thematisiert mit klarem Schreibstil und viel Feingefühl nicht nur seine persönlichen Konflikte, sondern auch größere gesellschaftliche Fragen – das Gefühl des Fremdseins, das Leben zwischen zwei Kulturen und die Herausforderungen der Integration. Das Buch liest sich flüssig und zeichnet ein eindrückliches Bild der Lage in der Ukraine unter der russischen Bedrohung. Trotz des oft ernsten Themas ist es sowohl nachdenklich als auch humorvoll und unterhaltsam – eine lohnende Lektüre für Leserinnen und Leser jeder Generation. (Nominiert für den Deutschen Buchpreis)
Günther Freund
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Russische Spezialitäten
Dmitrij Kapitelman
Hanser Berlin (2025)
182 Seiten
fest geb.