Zeiten der Einsamkeit

Es gibt so viele Formen der Einsamkeit, wie es Menschen gibt. Ihnen ganz persönlich zu begegnen, kann helfen, diesem gesellschaftlichen Massenphänomen auf die Spur zu kommen. Janosch Schobin, Jahrgang 1981, hat sich dazu auf den Weg gemacht; das Zeiten der Einsamkeit unterhaltsame Buch bietet einen ganz eigenen Zugang, denn der Autor ist Soziologe, Mathematiker und Hispanist. Eröffnet wird das Werk mit einer kurzen Geschichte der modernen Einsamkeit. Schobin identifiziert „Spielarten des Einsamseins“ und ordnet sie als „dominante Formen in gesellschaftshistorische Zusammenhänge“ ein. Der Leser lernt dabei, wie eng der Zusammenhang von gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen mit individuellen Entscheidungen des Einzelnen ist. Einsamkeit ist kein Schicksal, sondern unausweichliches Produkt dieser Konstellationen. Sie zu verstehen ist Voraussetzung, um der Einsamkeit zu entkommen. Schobin formuliert anschließend sechs Thesen, in denen er das Dilemma spätmoderner Gegenwartsgesellschaften ausdifferenziert und Prototypen der Einsamkeit beschreibt. Flexibilität und Unabhängigkeit vor dem Hintergrund von Globalisierung, Digitalisierung und Beschleunigung gehen mit dem Verlust stabiler sozialer Beziehungen einher. Einsamkeit ist ein häufig gezahlter Preis für Fortschritt und Wohlstand. Das Buch hinterfragt diese Thesen durch anschauliche Begegnung mit einsamen Menschen, mit denen der Autor 71 Interviews zwischen 2012 und 2015 in Deutschland, Chile und den USA geführt hat. Einsamkeit konkretisiert sich für den Verfasser vor dem Hintergrund allgemeiner Entwicklungen: Der demographische Wandel generiert dieses Lebensgefühl ebenso wie der Verlust an Gemeinschaft isolierende Dynamiken in Gang setzt. In einer technisch und institutionell konsolidierten Gesellschaft kann der Mensch verloren gehen. Gegen diese Einsamkeitsbeschleuniger stehen drei einsamkeitsdämpfende Effekte: Emanzipation, Wohlstand und Inklusion. Einsamkeit ist ein vielschichtiges, widersprüchliches, buntes Phänomen. Der Autor mutet dem Leser zu, sich selbst ein Bild zu machen. Der Weg dorthin ist kurzweilig und berührend. Anhand von sieben Einzelschicksalen wird Einsamkeit als „Lebensform“ und „Klassen“-Phänomen, als Einsamkeit der „Überlebenden, „Sterbenden“, „Fixpunktmacher“, „Dynamisierten“ und der „Projektionen“ erzählt. Kein Wunder, dass die Zukunft der Einsamkeit offen, aber in seiner Mehrdimensionalität bestehen bleibt. Zugleich wird die Menschheit im Kontext des globalen Klimawandels und seiner vielfältigen Folgen mehr denn je herausgefordert, sich mit der Einsamkeit in seiner individuellen und gesellschaftlichen Ausprägung zu beschäftigen. Schobins anschauliches und lehrreiches Buch hilft, sich der Einsamkeit verstehend anzunähern. Es entlastet, weil die Individualität dieses Megatrends in den Vordergrund und einfache Schablonen in den Hintergrund treten. Einfache Erklärungen gehen ins Leere, genaues Hinsehen und Nachfühlen sind gefordert.

Thomas Gottfried

Thomas Gottfried

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Zeiten der Einsamkeit

Zeiten der Einsamkeit

Janosch Schobin
Hanser (2025)

223 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 621478
ISBN 978-3-446-28267-4
9783446282674
ca. 24,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: Ps
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