Oroppa
Viele aus Marokko oder Tunesien stammende, in Amsterdam oder Paris Gestrandete suchen nach der verschwundenen Künstlerin Salomé Abergel. Diese war nach politischen Aktivitäten, Inhaftierung, Folter und Missbrauch mit ihrem Sohn Irad in Amsterdam
angekommen, konnte dort eine künstlerische Ausbildung absolvieren und wurde als Malerin bekannt, von ihrer Agentin Hannah betreut. Der stete Wechsel zwischen Genialität und Wahnsinn, Alkohol und Drogen setze ihr zunehmend zu. Nachdem sich der Sohn von ihr trennte, zieht es sie immer wieder in ihr Herkunftsland, um sich dort im Kreise von Vertrauten zu erholen. Hannah stöbert sie dort auf, bringt sie zurück und feiert neue Verkaufserfolge mit ihren Bildern. Auch Salomés ehemaliger Peiniger im Gefängnis und ihre heimatlichen Vertrauten stranden irgendwann in Europa. Als dann Salomé aus ihrem Haus verschwindet, sich manche auf die Suche nach ihr machen, Irad noch vorhandene Gemälde vernichtet, zeigt sich eine neue Verbundenheit in dieser Community. Doch sie bleiben in Amsterdam oder Paris unter sich, in ihrer Trauer über die politischen Entwicklungen zuhause und ihr Nicht-heimisch-Werden mit einer neuen europäischen Identität. – Sprach- und fantasiegewaltig kommt dieser Erstling der aus Marokko stammenden, in Amsterdam lebenden Autorin (*1994) daher und verbindet mythische Figuren und Erzählungen Afrikas mit der Trauer über den Heimatverlust. Im Nachwort werden literarische Quellen westeuropäischer Autoren und Memoiren marokkanischer Frauen als Einflüsse auf den Text nachgewiesen, der als Sammlung einzelner Erzählungen wie als Roman gelesen werden kann. – Für anspruchsvolle Literaturinteressierte.
Rolf Pitsch
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Oroppa
Safae el Khannoussi ; aus dem Niederländischen von Stefanie Ochel
Hanser (2026)
350 Seiten
fest geb.