Wir wissen, wir könnten, und fallen synchron
Der Vater der Ich-Erzählerin kommt bei einem Unfall mit einer Kreissäge ums Leben. Er war dabei, einen Walnussbaum zu fällen, um für seine Tochter eine Schaukel aufzustellen. Das Kind ruft den Vater nicht zum Essen, so kommt die Rettung zu spät.
Die Erzählerin läuft fortan nicht nur mit einem Schuldkomplex durchs Leben, sondern entwickelt obendrein eine schwere Essstörung, bei der sich Fressanfälle mit Erbrechen und Fasten abwechseln. Ihre Identitätssuche schlingert durch den Dschungel der Wurzeln ihrer deutschen Mutter und ihres türkischen Vaters. - Die junge Autorin Önder (Jahrg. 85) hat bereits ein Theaterstück verfasst, das am Wiener Burgtheater aufgeführt wurde, und zahlreiche Preise wie den open mike gewonnen. In ihrem Debütroman fliegt der Leserschaft die Sprache der Autorin um die Ohren. Erbrochenes, Hähnchenknochen, Schleim oder Tassen und Teller entfalten während des Fluges eine emotionale Wucht, die mitunter schwer zu ertragen ist. Der verstorbene Vater tritt abwechselnd als drohende moralische Instanz oder als schmerzlich Vermisster auf. Komische und absurde Szenen schaffen ein Gegengewicht zur Schwere des Romans. Für Leser/-innen mit Interesse an junger experimenteller Literatur.
Susanne Emschermann
rezensiert für den Borromäusverein.
Wir wissen, wir könnten, und fallen synchron
Yade Yasemin Önder
Kiepenheuer & Witsch (2022)
249 Seiten
fest geb.