Die Lücken
Mit durchweg sehr guten Kritiken in allen einschlägigen Feuilletons ist der iranisch-stämmigen Autorin mit diesem Buch ein „ganz großer Wurf“ gelungen. Auf fast 500 Seiten legt sie in 46 Kapiteln über ein Jahrhundert Geschichten um Geschichten
von fünf Familien, wie ein Kaleidoskop übereinander, die die Geschehnisse im fiktiven Ort Heimesbach im Hunsrück aus der Perspektive einer Toten erzählen. „Wir reisen zurück in den Ort, der sich Heimesbach nennt, der so vielen anderen Orten gleicht und doch nur dieser eine ist.“ (eigentlich Hermeskeil, in dem die Autorin aufwuchs) Das Verhalten der Bewohner während der NS-Zeit im früh judenfreien Ort (Gaumusterdorf), die Vertreibung der jüdischen Einwohner:innen und die Aufnahme von zwei geflüchteten Familien aus dem Iran 1989 werden eindringlich vernetzt und zeigen facettenreiche Perspektiven auf das Leben in der dörflichen Gemeinschaft. Ein Puzzle, ein Mosaik das Lücken aufweist im Ungesagten und Verschwiegenen. Denn eigentlich wollen alle "Gehaichnis", "ein Begriff aus dem Hunsrücker Platt, der ein tiefes Gefühl von Geborgenheit, Heimat, Glück und innerem Frieden beschreibt." Oder so: Verdrängung, Verleumdung, Vergessen, Vernichtung, Vertreibung, Verbrechen, Verletzungen, Verluste, Verschweigen, Verharmlosung, Verachtung, Verantwortung, Versöhnung, Verständnis, Vergebung, Verzeihung, Vertrauen, Verlässlichkeit. – Wer in einem katholisch-geprägten Dorf der 50er-Jahre aufgewachsen ist, kann evtl. viele Parallelen im Umgang mit der Nazi-Vergangenheit entdecken. Wurde darüber gesprochen oder geschwiegen? Wandte man sich lieber dem Aufschwung mit dem Wirtschaftswunder zu? War man bereit für die Aufnahme von Fremden während der Flüchtlingskrise? Absatzfreie, volle Seiten im Erzählfluss der Geschichten – für anspruchsvolle politisch-historisch interessierte Leser:innen geeignet, da es ein gewisses Durchhaltevermögen erfordert, die einzelnen Personen in den Geschichten über die Jahre zu verbinden. Buchpreisverdächtig (zur Zeit auf der Shortlist)!
Karin Steinfeld-Bartelt
rezensiert für den Borromäusverein.
Die Lücken
Shida Bazyar
Kiepenheuer & Witsch (2026)
502 Seiten
fest geb.