Räume zum Verschwinden
Die Traumata der Schoa begleiten wohl alle Überlebenden ein Leben lang. Um dies darzustellen, wählte der Autor ein kompliziertes Konstrukt: Eine vierköpfige Wiener Familie überlebt voneinander getrennt und findet nicht wieder zusammen. Die Tochter
Sonja – sie erreicht mit einem Kindertransport England – lässt er nach dem Tod ihrer Tochter 1979 sinngemäß sagen: Sie leben in den Räumen nebenan, aber wir können nicht zueinanderkommen. Sonja muss diesen Tod verarbeiten und auch, dass ihr Mann Franz sich auf die Suche nach dem Kind macht, weil er glaubt, sie gesehen zu haben. Immer kurz nachdem er an einem Ort war, trifft sie dort ein. Die Mutter Fanja arbeitet 1966 als Schmerztherapeutin in Montreal; sie lernt Hermann – ebenfalls ein Überlebender, der keine Heimat mehr fand – kennen und setzt mit ihm seinen Roadtrip fort. Der Sohn Moses, der noch ein Kleinkind war, als er seinen Eltern entrissen wurde, trägt ein Bündel von Erinnerungen an die Ereignisse in Prag mit sich, als russische Truppen den Widerstand der Bevölkerung dort brachen. 99-jährig erhält der Vater Arnold in Wien einen Anruf aus England, seine Tochter habe ihn durch einen genetischen Test ausfindig gemacht. Doch noch so etwas wie ein Happy End? – Der Autor arbeitet feinfühlig mit Gedankensprüngen seiner Protagonisten. Spielt diese Szene in der Gegenwart des Erzählstrangs oder kommen hier Erinnerungen hoch, fragt sich der Leser des Öfteren. Die Realität ist bisweilen verfremdet. Man glaubt einen Hauch Kafka oder Garcia Márquez zu spüren. Vermutlich wird jeder Lesende andere Punkte als berührend, als nachdenkenswert empfinden.
Pauline Lindner
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Räume zum Verschwinden
Stuart Nadler ; aus dem Englischen von Klaus Modick
Kiepenheuer & Witsch (2026)
543 Seiten
fest geb.