Der Wert der Welt
Rafiq Hardi Kertmanji ist ein kurdischer Intellektueller, Mitbegründer der kommunistischen kurdischen Partei, der für die Selbstbestimmung seines in mehreren Nationen lebenden Volkes kämpft. Unter seiner politischen Kompromisslosigkeit leidet seine
Familie, seine Frau und seine drei Kinder. Alle müssen vor den Repressalien aus Teheran ins Exil nach London fliehen. Und das Leben aller Kinder ist von dieser Heimatlosigkeit und der Suche nach Identität geprägt: Der älteste Sohn Mohammed entflieht dem politisch-menschlichen Dilemma und wird zu einem rücksichtslosen Banker in London. Tochter Siver flüchtet mit ihrer Tochter aus einer Heirat mit einem Mann, der ihr keine Möglichkeit zur weiblichen Emanzipation bietet, nach Bagdad, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Laika, der Jüngste, wird zum Nerd, der in die digitale Welt flüchtet, um den inhumanen Bedingungen des menschlichen Lebens zu entfliehen. – Ismails Roman ist eine fesselnde Familien-Saga, doch er ist noch mehr: Mit einer überaus kompetenten erzählerischen Feder zeigt er dem Leser nicht nur die Folgen politischer Ent- und Verwicklungen für die Menschen im Nahen Osten, er führt auch vor Augen, wie schwer es für den einzelnen ist, in einer Welt, die zunehmend geprägt ist von rein wirtschaftlichen Interessen, gesellschaftlichen Vorurteilen und einer immer stärker werdenden Inhumanität, ein menschenwürdiges, selbstbestimmtes Leben zu führen.
Günter Bielemeier
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Der Wert der Welt
Agri Ismaïl ; aus dem Englischen von Robin Detje
Rowohlt Hundert Augen (2024)
460 Seiten
fest geb.