Glorreiche Taten
Eine alte Legende berichtet, nach der vernichtenden Niederlage der sizilianischen Expedition im Peloponnesischen Krieg hätten die athenischen Gefangenen in den Steinbrüchen von Syrakus Euripides rezitiert. Nun haben zwei arbeitslose Syrakuser Töpfer
die zündende Idee, gleich zwei Stücke des Euripides mit den athenischen Gefangenen aufzuführen - Medea und Troerinnen. Als sei der Plot zum Debütroman von Ferdia Lennon (irischer Autor mit libyschem Vater) in jener Taverne entstanden, in der der Ich-Erzähler Lampo die Sklavin und Bardame Lyra anschmachtet. Solcherart wirkt die skurrile und höchst amüsante Geschichte um das große Drama inmitten der großen Geschichte, dargestellt von kleinen Leuten. Demgemäß wird im Jugend-Jargon erzählt, ist von Mom, Alk, Aristos (Aristokraten) und Krokos die Rede (letztere sind Krokodillederstiefel, die sich ein arbeitsloser Töpfer im Syrakus des 5. vorchristlichen Jh. wohl leisten kann). In den Schilderungen der beiden Freunde Lampo und Gelon, des Einstudierens und Rollenbesetzens, schließlich der Flucht der Gefangenen unter Lampos und Gelons Führung steckt viel von Schicksalen und Scharaden heutiger Flüchtlings- und Jugendszenarien. Vieles an der Geschichte ist freilich historisch nicht haltbar (weder die „Bücher“ des Euripides, noch die Theaterverhältnisse in Syrakus). Ferdia Lennon hat jedoch keinen historischen Roman geschrieben, sondern ein unterhaltsames Stück Literatur zum Thema Humanismus und Freundschaft aus der Sicht der kleinen Leute im Gewand der antiken Welt. Den ehernen Faltenwurf der Antike gelüftet zu haben, die Lust am eher naturalistischen als antikisch dramatischen Erzählen zu entdecken und damit die Leser:innen gut zu unterhalten – dies versteht der Autor zweifellos. Empfehlenswert.
Helmut Krebs
rezensiert für den Borromäusverein.
Glorreiche Taten
Ferdia Lennon ; aus dem Englischen von Thomas Überhoff
Rowohlt Hundert Augen (2024)
334 Seiten
fest geb.