Das Loch
Die Protagonistin, die etwa 30-jährige Asa, schreckt es nicht, mit ihrem Mann aufs Land neben das Haus der Schwiegereltern zu ziehen. Den kleinen Job in der Stadt gibt sie auf, kümmert sich nicht darum, was ihr Mann so alles treibt, denkt an die
gesparte Miete und ob das Leben als Hausfrau nicht ein Traum sein könne. Und dass in Japan die Grenzen zwischen dem, was wir für Realität halten, und einer geisterhaften Parallelwelt fließend sind, weiß, wer die japanische Kultur kennt, etwa die Animationsfilme aus den Ghibli-Studios. Die Naturphänomene, eine große Hitze, strömender Regen, laut zirpende Zikadenschwärme, zuletzt noch ein nicht zu identifizierendes schwarzes Tier, das Löcher gräbt, sind in dieser durchlässigen Weise zwischen Realismus und Traum geschildert, die die Perspektive der Hauptfigur kennzeichnen. Asa fragt sich: "Ist diese Person, die schon bis Mittag alles erledigt hat und bis zum Abendessen nicht weiß, was sie noch tun soll, dieselbe, die vorher nicht existieren konnte, ohne von morgens bis abends zu arbeiten?" In ihrer kleinen, ländlichen Welt sind Begegnungen mit der Nachbarin oder einem bis dato völlig unbekannten Bruder ihres Mannes verwirrende wie den Alltag belebende Ereignisse. Das Loch, in das Asa eines Tages fällt, als sie dem pechschwarzen Tier folgt, öffnet für diese Begegnungen eine Tür, denn obwohl sie sich kaum selbst daraus befreien kann, sei es „wie geschaffen für mich“. Die Anspielung auf Alice im Wunderland zeigt deutlich den wundersamen Charakter dieser eigentümlichen, faszinierenden Geschichte vom Landleben. Mit ihrer Erfindungsgabe schafft die Autorin ein verlockendes Angebot, der eigenen Begrenztheit und Langeweile durch Eintritt in die Welt von Asa zu entfliehen. Schade nur, dass der Verlag darauf verzichtete, die japanischen Ausdrücke in einem Glossar zu erklären. Das schmale Bändchen gewährt große Lesefreude, sehr empfehlenswert.
Helmut Krebs
rezensiert für den Borromäusverein.
Das Loch
Hiroko Oyamada ; aus dem Japanischen von Nora Bierich
Rowohlt (2024)
122 Seiten
fest geb.