Ungleich vereint

Viele Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland haben sich verstetigt. Dies gilt für die objektiv feststellbare Andersartigkeit wie Demographie oder Sozialstruktur ebenso wie für subjektive Aspekte, beispielsweise Identitäten, Mentalitäten, Ungleich vereint die politische Kultur im Besonderen. Diese These vertritt der Soziologie-Professor Steffen Mau in seinem jüngsten Werk, versucht aber auch, langfristig angelegte Auswege aus dieser "getrennten Einheit" aufzuzeigen. Bürgerräte, Beiräte und ähnlich konstruierte "dritte Kammern" neben Institutionen wie Stadtrat, Land-, Bundestag oder auch Bundesrat erscheinen ihm vielversprechend. Dem Autor gelingt in den ersten zwei Dritteln des Buchs eine überzeugende Diagnose der aktuellen mentalen und gesellschaftspolitischen Lage in den ostdeutschen Bundesländern. Der Text bewegt sich geschmeidig zwischen akademischer Akkuratesse und Lesbarkeit auch für Laien. Das Werk wirkt dicht, geradlinig im Aufbau und zielgerichtet. Irritierend sind dagegen einige längere Passagen in den letzten Kapiteln. Dort wechselt der schwungvoll-professionelle Ton des Wissenschaftlers in ein wenig subtiles AfD-Bashing, eher typisch für einen Parteipolitiker in der Talkshow am Sonntagabend. Überraschenderweise fehlt auch eine erste Einordnung der Partei BSW, angeführt von Sahra Wagenknecht. Interessant ist dann wieder Maus Plädoyer für Bürgerräte. Hier fühlt sich der Leser eingeladen, selbst deren Ausgestaltung mitzudenken, wie Ostdeutschland zu einem Experimentierfeld für das ganze Land werden könnte. Trotz der Emotionen und Auslassungen gegen Ende eine erwägenswerte Bestandsergänzung zu Themenkreisen wie Lebendige Demokratie und Bürgerengagement.

Werner Wagner

Werner Wagner

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Ungleich vereint

Ungleich vereint

Steffen Mau
Suhrkamp (2024)

168 Seiten
kt.

MedienNr.: 753542
ISBN 978-3-518-02989-3
9783518029893
ca. 18,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: So
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