Museum der Einsamkeit
In neun Erzählungen sammelt Rothmann Lebensskizzen von Menschen, die wegen eines einschneidenden Ereignisses oder einem unebenen Lebensverlauf verbittert sein könnten: der künstlerisch ambitionierte Jugendliche, der in einem Handwerkerinternat isoliert
wird; der geschiedene Pfarrer, der seine Tochter mit Besuchen und einer Stoffpuppe in ihrer tödlichen Erkrankung tröstet; die beiden Nachbarspaare, die sich das Leben schwer machen; der Junge, dessen Eltern ihn immer wieder mit seinem kleinen, behinderten Bruder allein lassen; der Bauarbeiter, der Leid und Einsamkeit mit Stolz bekämpft; der Künstler, der bei einem Mitschüler aus Grundschulzeiten einen Fehler wiedergutmachen will; die Tochter, die ihre Mutter dann doch dazu überredet, das Alter in einem "Museum der Einsamkeit" zu verleben. Beschlossen wird der Band von einem auf historischen Fakten beruhenden Text, in dem der Lagerkommandant des KZ Westerbork sich selbst mit der kaum glaubhaften Beschwörung beruhigt, er habe Ziel und Absicht des Abtransports seiner Gefangenen nach Osten nicht gekannt. – Rothmann konzentriert sich mit seiner eindrucksvollen, nüchternen Sprache auf die Eigenheiten seiner Charaktere, wie sie sich – oft mit ruhrgebietstypischen Biografien – durchs Leben schlagen. Jede Erzählung enthält, würde man sie mit einigen Seitensträngen und Geschwätzigkeit aufpusten, Stoff für einen Roman. So haben Lesende unterschiedlichste Episoden, zwischen denen es auch Lesepausen braucht. Gerne für größere Bestände empfohlen.
Rolf Pitsch
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Museum der Einsamkeit
Ralf Rothmann
Suhrkamp Verlag (2025)
268 Seiten
fest geb.