Herzzeit
Auf diesen Briefwechsel hat man lange gewartet. Paul Celan und Ingeborg Bachmann, die sich 1948 in Wien kennenlernten, sich in den Folgejahren u.a. in Paris, im Rheinland und in Zürich mehrfach wiedersahen, aber 1961 ihre Begegnungen und das briefliche
Gespräch abbrachen, gehören zu den großen dramatischen Paaren der Literaturgeschichte. Der Briefwechsel dokumentiert die Intensität der Liebesbeziehung, die auch und gerade im Bezug auf die Gedichte und Texte, die sich beide immer wieder schrieben, an emotionaler Kraft nie verliert. Doch der 1920 geborene Sohn jüdischer Opfer des Nationalsozialismus und die 1926 geborene Tochter eines österreichischen NSDAP-Mitglieds konnten zusammen nicht kommen, zu groß war das Trennende von Herkunft, Erfahrung und Religion, zu stark waren die offiziellen Bindungen in Ehe und Partnerschaft. Die Briefe kreisen manisch um die Suche nach der "richtigen Zeit", um die Angst, einander zu verlieren, um das "Sinnliche und das Geistige", sie gehen also auch Literarisches an: die Kompromissfähigkeit und Übersetzbarkeit des Gedichts, die soziale und finanzielle Stellung des Autors. Der Briefwechsel erschließt auf berührende, ja herzergreifende Weise eine hochdramatische Liebesbeziehung und zugleich ein tiefsinniges Gespräch in Gedichten. Gerade für die, die Schwierigkeiten mit der Lyrik Celans und Bachmanns haben, ein vorzüglicher Zugang.
Michael Braun
rezensiert für den Borromäusverein.
Herzzeit
Ingeborg Bachmann, Paul Celan
Suhrkamp (2009)
Suhrkamp Taschenbuch ; 4115
399 Seiten : Illustrationen
kt.