Im Jahr Null
Das literarische Erstlingswerk des ZEIT-Journalisten Moritz Aisslinger ist als Ausweitung der Reportage auf das Feld der Geschichtsschreibung angelegt. Die journalistische Annäherung an die Historie der Jahre 29 vor bis ca. 35 nach Christi Geburt
hat Schwung, ist in ihrer schriftstellerischen Qualität Infotainment von hoher Güte. In der geschichtsphilosophischen Deutungslust dann aber zuweilen recht keck, wenn nicht gar verwegen. Lob verdient das Werk für seinen Ansatz, die Jahre um die Zeitenwende als packende Erzählung anzulegen. Schlüsselereignisse im Römischen Reich, in Persien, Indien, China und Polynesien sind durchwebt mit historisch verbürgten Akteuren als auch erdachten, aber möglichen Alltagscharakteren. Das bietet dem Leser Identifikationsflächen und macht Phänomene der Zeit wie politische Geiselnahmen, uns heute befremdende Moralvorstellungen oder das Denken in Imperien besser greifbar. Dies allerdings immer mal wieder auf Kosten historischer Belastbarkeit. In der Geschichtswissenschaft konkurrieren schließlich bis heute mehrere jeweils gut begründete Thesen zu vielen Aspekten; der Autor hat dann meist ohne Verweis auf alternative Deutungen genau eine ausgewählt, augenscheinlich unter dem Aspekt der bestmöglichen Verwertbarkeit für seine Großreportage. Nichtsdestotrotz, die zeitgemäße, unverbrauchte Form dieser Art Geschichtsschreibung mittels Geschichten wird ihre Leser finden. Für jeden Bestand geeignet.
Werner Wagner
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Im Jahr Null
Moritz Aisslinger
Propyläen (2026)
398 Seiten
fest geb.