Palladium

Im Sommer 2005 liegt der damals 29-jährige Chefredakteur von monde.fr in einem Krankenbett und hält sich für einen "Mann ohne Alter und einen Mörder". Vollständig gelähmt und unter großen Schmerzen leidend, rekapituliert er in Gedanken die letzten Palladium zwei Monate. Wie es genau angefangen hat, weiß er nicht. Hatte er sich im Urlaub etwas eingefangen? Die anfänglichen Schmerzen und das Unwohlsein hat er als hypochondrisch abgetan, bis die - erst viel später als schwere und atypische Form des Guillain-Barré-Syndroms diagnostizierte - Krankheit immer schneller fortschritt und in wenigen Wochen seinen Körper schachmatt gesetzt und seinen Geist übernommen hat. Dieser flieht im Fieberwahn vor den unerträglichen Schmerzen, die Razons Körper überrollen, in eine Welt, die wie eine Mischung aus Hieronymus Boschs "Garten der Lüste" und Goyas düsteren Gemälden anmutet. Dort kämpft er um sein Leben, erlebt Krieg, Sex, Gewalt und wird zum Ungläubigen. Aber da ist auch die Liebe, die ihm in Gestalt seiner Freundin Caroline bis in sein Unterbewusstsein hinein Kraft gibt, diesen inneren Kampf durchzuhalten und schließlich wieder an die Oberfläche zu steigen. - Sieben Jahre später verarbeitete Boris Razon dieses kurze, aber prägende Kapitel seines Lebens in Romanform. Das Buch beginnt als gewöhnliche Leidensgeschichte mit der Schilderung des körperlichen Zerfalls, der Beschämung im Krankenhaus, des maroden Gebäudes, das der großen Hitze jenes Sommers nicht standhält, bis Razon der Geist abhanden kommt. Die ausschweifende Nacherzählung der epischen inneren Abenteuer - unterbrochen von Auszügen aus der Krankenakte und Pflegeberichten - wird für den Leser nach einiger Zeit ermüdend. Aber Razon erfindet nichts, sondern schildert seine alptraumhaften Halluzinationen, an die er sich wie an eine tatsächlich erlebte Reise erinnert. Und er ist überzeugt, dass ihnen etwas Universelles anhaftet. "Ich schlage dir nur vor, das Tier zu spüren, das in uns schlummert. Ich war der Schauplatz eines gnadenlosen Kampfes." (S. 322). Keine angenehme, aber eine außergewöhnliche und eindrucksvolle Lektüre! (Übers.: Christian Ruzicska und Paul Sourzac)

Barbara Sckell

Barbara Sckell

rezensiert für den Borromäusverein.

Palladium

Palladium

Boris Razon
Ullstein (2015)

332 S.
fest geb.

MedienNr.: 784711
ISBN 978-3-550-08082-1
9783550080821
ca. 21,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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