Das weiße Blatt Papier

Roehler komponiert das Obdachlosenleben auf dem Frankfurter Bahnhof, beschreibt, wie der Protagonist dort durch die Apathie der Gemeinschaft gelandet ist, und die grausame Reflexion über das Zusammenleben mit den Eltern, der restlichen Familie, und Das weiße Blatt Papier welche Konsequenzen die mitgefühlslose Vernachlässigung und Verachtung der Mitmenschen für Menschen bedeuten kann. Literaten wie Heidegger, Julien Green und deren Figuren begleiten die überstresste, und drogeninjizierte Wahrnehmung und Kritik an der BDR-Beziehungsgestaltung dieser Jahrzehnte. Im Buch scheinen Schriftsteller und ihre Werke die einzige Brücke zwischen triebhaftem Wahn und Realität zu bieten. Der bizarre Wahn erinnert an E.T. Hoffmanns Sandmann, nihilistisch-sexualisiert und in krassem Ausdruck. Es ist keine leichte Lektüre, keine friedvolle Handlung. Das Buch mahnt zur Wachheit und genauer Beobachtung des inneren wie äußeren Geschehens. Es ist ein kaltes, wut- und kummerdurchtränktes Buch in sprachlich hochreflektierter Form. Der Protagonist ist von seinen Bezugspersonen im Stich gelassen worden, also versucht er, sich dem Leben selbst zu verweigern. Die wortgewandt verpackten Tragödien erzeugen eine makabere Dissonanz, weshalb das krasse Werk mit Atem- und Gedankenpausen gelesen werden sollte von urteilssicheren Leserinnen und Lesern, die sich auch von der Überpräsenz an sexueller Triebhaftigkeit nicht abschrecken lassen.

Sultan Akbulut

Sultan Akbulut

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Das weiße Blatt Papier

Das weiße Blatt Papier

Oskar Roehler
Ullstein (2026)

237 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 756314
ISBN 978-3-550-20459-3
9783550204593
ca. 24,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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