Medusa
Perseus, der Held, und Medusa, das Ungeheuer - die griechische Mythologie war eindeutig in ihren Zuschreibungen und wurde über Jahrhunderte hinweg bildprägend für die europäische Kultur. Doch könnten Perseus' und Medusas Geschichten nicht auch
ganz anders erzählt werden? Die hier vorliegende Graphic Novel unternimmt den Versuch, beiden Figuren andere Charakterzüge zu verleihen als die bekannten und sie auch in differenzierteren familiären und machtpolitischen Beziehungen zu verstehen. So ist Medusa zunächst einmal Opfer männlicher Gewalt. Die todbringenden Kräfte ihres Blicks lassen sie einsam und verbittert werden - eine weitere Opferrolle, mit der sie brechen möchte. Perseus hingegen wird als jugendlicher, unwissender Krieger gezeichnet, der die politische Intrige, die ihn zum Mörder macht, kaum durchschaut. Wie beider Geschichten aufeinander zulaufen und sich in einem Showdown treffen, wird in dem Wendebuch anschaulich gemacht. Erzählt wird also aus beider Perspektiven. Für Medusas Tragödie findet der Zeichner sehr expressive, mitnehmende Bilder. Perseus stolpert eher seinem Ziel entgegen; die Begegnung mit den Graien und den Nymphen nimmt seinem Vorhaben den tödlichen Ernst. Hier wird also die Mythologie gegen den Strich gebürstet: Perseus' Heldentum entpuppt sich als beinahe kindliche Getriebenheit, während Medusas Story einen feministischen Anstrich erhält. Diese Neu-Interpretation wird besonders jugendliche Leser/-innen überzeugen, gibt sie doch der Lese-Tradition eine zeitgemäße Richtung. Ab 14.
Dominique Moldehn
rezensiert für den Borromäusverein.
Medusa
André Breinbauer
Carlsen (2022)
142, 142 Seiten : überwiegend farbig
fest geb.