Luft nach unten
Die erfolgreiche Geigerin und Komponistin Iva erzählt von ihrem Wiener Musikerleben, den auch quälenden Versuchen mit ihrem Mann Felix, mit Hilfe künstlicher Befruchtung Eltern zu werden, und ihrem exzessiven Sexualleben mit Liebhaber Gabriel. Dieses
turbulente Sein mit häufigen Richtungswechseln, Zornesausbrüchen und Versöhnung steht im Kontext ihrer Herkunft aus Nordmazedonien. Ihre Eltern leben dort, inzwischen sehr krank, allein und in einem desolaten Zustand. Mutter und Tochter können bei seltenen Telefonaten nicht ohne Beschimpfungen und harte Konfrontationen auskommen, die doch eigentlich nur die Sehnsucht nach Nähe ausdrücken. Diese persönliche Härte mit den dabei hilflos agierenden Ehemännern spiegelt sich auch in den politischen Entwicklungen Jugoslawiens und dessen Nachfolgestaaten. Die Reflexion dieser Beziehungen findet in Ivas Liedern statt und in ihren öffentlichen Interviews, die die Mutter in sich aufsaugt. Immer wieder besucht Iva auch eine alte Vertraute in Ohrid und deren Enkeltochter Karmela. So erfährt sie manches aus ihrer Herkunftsfamilie und für ihr Leben deutet sich, als sich bei einem Wienbesuch Karmelas stimmliche Begabung bestätigt, eine neue inhaltsreiche Wendung an. – Die Autorin schildert in diesem offensichtlich autofiktionalen Roman mit gewaltiger Sprachkraft die Sehnsucht nach einem eigenen Kind und Beheimatung. Eine dichte Mischung aus Emotionalität, psychischer und physischer Energie. Gerne empfohlen.
Rolf Pitsch
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Luft nach unten
Tamara Štajner
Paul Zsolnay Verlag (2026)
333 Seiten
fest geb.