Unsichtbare Musen
Hinter jedem der für dieses Werk ausgewählten interessanten Künstler stehe, so die Autorin, eine noch interessantere, stärkere, klügere und aufopferungsvolle Frau. Die Geschichten rücken diese Frauen ins Scheinwerferlicht, die unter dem Begriff
"Muse" in der Kunstgeschichte erwähnt werden, aber nie die Hauptrolle spielen. Elisa von Hof versucht eine Typisierung der Musenfigur, wobei sie anmerkt, dass sich die Rollen oft überlappen. Es gibt die Managerinnen, wie Gala Dalí oder Véra Nabokov und die Ko-Produzentinnen Sofja Tolstaja, Margarete Adorno oder Camille Claudel (die kreative Partnerin des Bildhauers Auguste Rodin), die aktiv am Schaffensprozess beteiligt sind und ihn maßgeblich beeinflussen. Drei Kapitel sind dem Phänomen "Musenhof" gewidmet. Im ersten, dem "System Goethe" kommt Christiane Vulpius eine zentrale Rolle zu. Sie ist es, die nicht nur für die ungestörte Produktivität des Dichterfürsten sorgt, sondern auch als Materialsammlerin, Inspirationsfigur und kreative Beraterin fungiert. Im Musenhof "System Picasso" ist die Präsenz der Frauen wichtig, denn nur in ihrer Gegenwart kann der Künstler Emotionen auf die Leinwand bringen. Der dritte Musenhof, das "System Kanye West", zeigt den umstrittenen Rapper im Spiegel der US-amerikanischen Medienöffentlichkeit. All die angeführten Beispiele zeigen, dass eine Kunstgeschichte vielfältiger, lehrreicher und interessanter sein kann, wenn sie alle benennt, die bei der Entstehung eines Kunstwerks oder der Gestaltung einer Künstlerkarriere mitgewirkt haben. Wenn man, so die Autorin, den wirkmächtigen Genderfiguren "Muse" und "Genie" die Wirkmacht nimmt, befreie man nicht nur die Vergangenheit aus ihren patriarchalen Ketten, sondern wirke auch für die Zukunft. So wird das beachtenswerte Werk zu einem flammenden Plädoyer für mehr Mensch-Sein. – Elisa von Hof versteht es meisterhaft, aus vielen Geschichten, Einzelschicksalen, Anekdoten und Randnotizen ein homogenes, höchst interessantes und charmant erzähltes Ganzes zu schaffen und für ein neues Verständnis von Kunst und Kultur zu werben. – Eine Bereicherung für alle Bestände!
Gertrud Plennert
rezensiert für den Borromäusverein.
Unsichtbare Musen
Elisa von Hof
Klett-Cotta (2026)
398 Seiten
fest geb.