Erde
Jan wächst bei einer Mutter auf, die ein promiskuitives Leben führt und sich das Leben nimmt, als er elf Jahre alt ist. Sein Vater ist nicht in der Lage, ihm Werte und Normen zu vermitteln. Auch die neue Lebensgefährtin des Vaters lehnt ihn ab.
So entwickelt sich Jan zu einem intelligenten und attraktiven jungen Mann, der zwar schulisch erfolgreich ist, jedoch kaum stabile Beziehungen aufbauen kann. Immer wieder fühlt er sich von anderen zurückgewiesen oder verachtet. Er zieht sich zunehmend zurück und lebt allein mit seinem Computer. Seine innere Leere versucht er durch wechselnde sexuelle Beziehungen zu kompensieren. Doch weder körperliche Nähe noch längere Partnerschaften geben ihm die emotionale Sicherheit, nach der er sich sehnt. Das Gefühl, Menschen früher oder später zu enttäuschen, begleitet ihn wie ein roter Faden durch sein Leben. – Der sprachlich eindrucksvolle und emotional kompromisslose Roman verzichtet weitgehend auf eine klassische Handlung und richtet den Blick fast ausschließlich auf Gedanken, Gefühle und schmerzhafte innere Prozesse seines Ich-Erzählers. Jan, eine Figur, die sich den gesellschaftlichen Normen weitgehend entzieht, führt den Leser tief in die Abgründe einer von Einsamkeit, Selbstzweifeln und Orientierungslosigkeit geprägten Existenz und provoziert dabei mit radikaler Offenheit. Hillenkamps psychologisch vielschichtige Charakterstudie fordert ihre Leser in hohem Maße. Die durchgehend depressive Grundstimmung, zahlreiche ungeschönt geschilderte sexuelle und zwischenmenschlich belastende Situationen sowie eine teilweise drastische und vulgäre Wortwahl können verstörend oder anstößig wirken. Deshalb dürfte die psychologisch komplexe und schwer zu ertragende Charakterstudie nur ein begrenztes Lesepublikum ansprechen. Wer sich jedoch auf eine intensive Auseinandersetzung mit den Abgründen der menschlichen Seele einlassen möchte, findet in „Erde“ ein anspruchsvolles und literarisch überzeugendes Stück Gegenwartsliteratur.
Günther Freund
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Erde
Sven Hillenkamp
Klett-Cotta (2026)
172 Seiten
fest geb.