Fehlende Gespenster
Merian, eine Führerin, begleitet Besucher durch ein stillgelegtes unterirdisches Tunnelsystem, in dem angeblich jahrzehntelang Leichen zum Wiener Zentralfriedhof befördert wurden. Die Toten seien mit einer pneumatischen Leichen-Rohrpost durch die
Unterwelt transportiert worden. Merian erzählt ihren Besuchern, wer alles mit der „Pneumatischen“ befördert wurde – der letzte Passagier soll Niki Lauda gewesen sein. Während die Gruppe durch die unterirdische Welt folgt, fabuliert Merian über gruselige Mythen und erzählt absonderliche Geschichten aus der Wiener Oberwelt. Historische Fakten, Erfindungen, Kuriositäten und morbide Fantasien vermischen sich, meist kreisen die Geschichten um das Sterben und den Tod. Die Grenzen zwischen Erzählung, Erinnerung, Lüge und Sagenwelt verschwimmen immer mehr: Blut weinende Kaiserstatuen, schuhplattelnde Gespenster oder Spuk im Elefantenhaus gehören zu den skurrilen Episoden. Was davon stimmt und was erfunden ist, bleibt unklar.- Die Wienerin Sarah Wipauer präsentiert mit ihrem ersten Roman ein bizarres Unterwelt-Abenteuer. Die Autorin verfügt zweifellos über eine überbordende Fantasie, hat sich darin aber zunehmend selbst verloren. Sie verschwendet ihre sprachliche Energie mit einem ausufernden und oft wirren Fabulieren. Der makabre, irrwitzige Roman kommt ohne eine tragende Handlung aus; die ineinander übergehenden und sich überlagernden Abläufe machen die Lektüre mühsam. Insgesamt ein außergewöhnlicher Roman, der sich vor allem an Leserinnen und Leser richtet, die Freude an absurden Fantasien haben und sich an der das gesamte Buch überstrahlenden Morbidität nicht stören.
Günther Freund
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Fehlende Gespenster
Sarah Wipauer
Residenz Verlag (2026)
367 Seiten
fest geb.