Internationale Zone
Wien war in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, ähnlich wie Berlin, unter den alliierten Siegermächten in Zonen aufgeteilt. Schmuggel zwischen den einzelnen Zonen war an der Tagesordnung. Einer der Schmugglerkönige dieser Tage war Georges Maine,
der sich auf Zigarettenschmuggel und Menschenraub spezialisiert hatte. Mit seinen Komplizen folgt er ohne Rücksicht auf Verluste seiner Gier und spielt die verschiedenen Lager gegeneinander aus. Dabei scheut er auch nicht davor zurück, Konkurrenten aus dem Weg zu räumen. – Der fiktive Kriminalroman erschien bereits 1953 und basiert auf den Beobachtungen der beiden Autoren, die die Nachkriegszeit in Wien selbst miterlebt hatten. Die Leser:innen werden in die Wiener Unterwelt entführt, in der keiner der Charaktere gute Absichten verfolgt. Eine Ausnahme stellt die Figur eines mittellosen Dichters und Journalisten Petre Margul dar, der sich seinem alten Freund Georges trotz dessen Verbrechen verpflichtet fühlt. Der Erzählstil aus Sicht der dritten Person wirkt ebenfalls distanziert. Dass man dennoch Seite um Seite weiterliest, liegt an der Unvorstellbarkeit der Ereignisse, der Spannung und der Faszination, dass dies sich so oder so ähnlich abgespielt haben könnte. Das Nachwort von Günther Stocker ordnet den Roman in das Zeitgeschehen von damals ein, immerhin sind seitdem mehr als 70 Jahre vergangen, und zeigt die Parallelen zu dem Kinofilm "Der dritte Mann" von 1949 auf. Für alle Leser:innen historischer Romane, die über ein eher unbekanntes Kapitel in der Geschichte Österreichs etwas erfahren wollen, sowie für Fans von Hard-Boiled-Krimis, die eher harte Action als knifflige Fälle lieben, eine lohnende Wiederentdeckung.
Sebastian Heuft
rezensiert für den Borromäusverein.
Internationale Zone
Milo Dor, Reinhard Federmann
Picus Verlag (2025)
255 Seiten
fest geb.