111 Tage, die die Welt bewegten
Wohl jeder kennt die Bücherserie "111 Orte, die man gesehen haben muss ..." – deren Idee macht sich der Autor zu eigen und überträgt die geografische auf die weltgeschichtliche Zielebene. Ob ihm das gelungen ist? Angesichts so vieler fraglicher
Kriterien, nach denen man Großereignisse in der Menschheitsgeschichte definieren und werten kann – noch dazu lediglich auf je einer Seite und reduziert auf einen entscheidenden Tag (!), auf eben die magische Minimalzahl 111? Das ist gewagt, sicher abhängig von subjektiven Auswahlverfahren – sprich Vorlieben des Verfassers. Da fällt dem kritischen Leser gleich auf, dass bei der Selektion, die erst (!) mit dem Mord an Julius Caesar beginnt, die nächsten Schritte mit Siebenmeilenstiefeln gewaltige Lücken überspringen und wesentliche Daten übergehen. So vermisst man alle wesentlichen Wendepunkte in der mittelalterlichen Geschichte, noch mehr während des explosiven Zeitalters der Entdeckungen (15./16. Jh.) – keine einzige heroische Tat mit globaler Fernwirkung kommt zur Sprache (Erfindungen zur Navigation und Geografie, kulturelle Aufbrüche oder Einschnitte wie die Künstler in der Renaissance bzw. im Barock), keine der technologischen Erfindungen des 19./20. Jh. (außer dem Eiffelturm und der DNA-Entschlüsselung!). Viel zu ausführlich und detailverliebt widmet sich der Autor dagegen den zeitgemäßen Bewegungen, deren Wirkung in der Weltgeschichte doch im späteren Rückblick zweifelhaft erscheint (die transsexuelle Revolte, die Prohibition, Jesse Owens vier Goldmedaillen, Notre-Dame in Flammen ...). Die Willkür und die Verdichtung innerhalb der akkurat 111 Tage auf die letzten Jahrzehnte reizt aber unsere geschichtsbewusste Neugier, sich Alternativen vorzustellen. Das verführt jeden Leser zu individuellen Gedankenspielen. Insofern ist dies ein anregendes, kreatives Werk, das ja auch auf andere Wissensgebiete übertragbar ist.
Harald Grimm
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
111 Tage, die die Welt bewegten
Ralf Nestmeyer
emons: (2025)
111
230 Seiten : zahlreiche Illustrationen (farbig)
kt.