Letzte Tage mit Teresa von Ávila

Morales schreibt keinen klassischen historischen Roman. Stattdessen lässt sie die historisch verankerte Teresa in einer Art furiosem Selbstgespräch auftreten, dies mit einer Sprache, die zugleich historisch verankert und radikal modern ist. Als biografische Letzte Tage mit Teresa von Ávila Stationen bleiben der Eintritt ins Kloster der Karmeliterinnen im 16. Jh., Gründungen zahlreicher Reformklöster und Konflikte mit kirchlicher Autorität und Inquisition deutlich erkennbar. Die Autorin interessiert sich weniger für die äußeren Ereignisse als für das Innenleben dieser Frau und ihre körperlichen Erfahrungen. Teresa wird nicht als entrückte Heilige dargestellt, sondern offenbart in ihren Selbstgesprächen einen unbezähmbar kämpferischen, zornigen und verletzlichen Charakter mit einem intellektuell geschulten, scharfen Verstand. Diesen setzt sie im Konflikt mit der katholischen Obrigkeit in ihrer Kritik der herrschaftlich über Jahrhunderte zementierten patriarchalen Machtstrukturen ein, ganz ohne Furcht vor Inquisition und Folter. Für sie ist Schweigen keine Option! Unzufrieden mit der von Männern etablierten Ordnung der Welt und hadernd mit ihrer eigenen Rolle als machtlose Frau und Nonne ist für sie Schreiben ein Lebensbedürfnis, Kampf für weibliche Autonomie und Akt des Widerstandes. Dabei zieht Morales bewusst Parallelen zu heutigen Debatten über Feminismus, Autorität und Selbstbestimmung. Der Schreibstil ist sprachlich dicht, poetisch, analytisch und experimentell. Der Ansatz der Autorin mutet an wie eine Übertragung der Themen „Machtstrukturen, Körperpolitik und Normabweichung“ auf eine historische Person. Interessant für Leser:innen, die starke, unkonventionelle Frauenfiguren mögen, literarisch anspruchsvolle, experimentelle Texte schätzen und sich für Mystik interessieren.

Gudrun Schüler

Gudrun Schüler

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Letzte Tage mit Teresa von Ávila

Letzte Tage mit Teresa von Ávila

Cristina Morales ; aus dem Spanischen von Friederike von Criegern
Matthes & Seitz (2026)

230 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 755880
ISBN 978-3-7518-1067-8
9783751810678
ca. 24,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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